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Zukunft des Handwerks unter der Lupe

Seit rund eineinhalb Jahren untersucht die Forschungsinitiative „Berufsbildung 4.0“, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitsprozesse in Unternehmen auswirkt. Auch die Orthopädie-Technik wird von den Initiatoren, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), genauer unter die Lupe genommen. Mitte Oktober traf sich die im Rahmen der Studie gebildete Expertengruppe des Handwerks, zu der u. a. BIV-OT-Vorstand Olaf Kelz und Stefan Bieringer, Direktor der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik (BUFA), gehören, um die Zwischenergebnisse zu analysieren. Anlass war die Bewertung von Interviews mit Geschäftsführern, Ausbildern und Fachkräften aus sieben Betrieben. Diese waren z. B. zu den eingesetzten Technologien und daraus resultierenden Aufgabenveränderungen und zukünftigen Kompetenzanforderungen befragt worden.

Angenommen, die befragten Firmen sind Vorreiter des gesamten Handwerks, so lässt sich festhalten, dass sich der Arbeitsplatz eines Orthopädie-Technikers in naher Zukunft signifikant verändern wird. Der handwerkliche Anteil nimmt ab zugunsten des Einsatzes digitaler Techniken. „Das heißt aber nicht, dass der Arbeitsplatz qualitativ gefährdet ist“, betont Claudia Böcker, Projektverantwortliche des BIBB für den Bereich Orthopädie-Technik. „Der Aufgabenbereich verschiebt sich allerdings in Richtung Dienstleistung.“ Die Arbeit mit und an dem Patienten werde einen größeren Raum einnehmen. Das läge nicht nur an der verfügbaren Zeit des Technikers, sondern ebenso am steigenden Beratungsbedarf des Kunden. Dieser habe sich z. B. häufig bereits ein erstes Urteil über eine Internetrecherche gebildet, das die Fachkraft im Betrieb dann gründlich bewerten und gegebenenfalls argumentativ revidieren können muss.

Standards entwickeln 

Die Erhebung, Speicherung und Reproduzierbarkeit von Daten führe grundsätzlich zu einer Verschlankung der Arbeitsprozesse, so die zum Teil noch theoretische Annahme bzw. die bereits gelebte Praxis. Als Beispiel für die Orthopädie-Technik verweist Projektleiterin Böcker auf den Einsatz der CAD/CAM-Software. Durch den Abgleich von Daten ließen sich hier Standards ableiten, die dann für die Anfertigung eines Basismodells, etwa einer Unterschenkelprothese, genutzt werden könnten.

Gleichzeitig führe derzeit der Einsatz uneinheitlicher Branchensoftware noch zu mitunter unüberbrückbaren Problemen im Schnittstellenmanagement. Wenn Patientendaten oder Ergebnisse vorgenommener Scans weiterhin händisch eingetragen bzw. übertragen werden müssten, verpuffe die Effizienz digitaler Prozesse. 

Die Befragten gaben in den Interviews außerdem an, dass es für sie eine besondere Herausforderung sei, ihre Mitarbeiter für das Thema Digitalisierung zu begeistern. Deren Bereitschaft, sich auf neue Prozesse und Arbeitsweisen einzustellen, sei unabhängig vom Alter unterschiedlich stark ausgeprägt. Eine Überarbeitung der Ausbildungsordnung, da sind sich die Mitglieder der Expertengruppe einig, sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht nötig. Vielmehr werde die Vermittlung digitaler Themen im Kontext von Zusatzqualifikationen (z. B. einer CAD/CAM-Schulung) von allen Beteiligten befürwortet.

Inwieweit sich die jüngst gewonnenen Erkenntnisse tatsächlich auf die gesamte Branche übertragen lassen, soll Anfang 2018 eine groß angelegte Online-Befragung der Handwerksbetriebe zeigen.