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Innovationslabor: die Zukunft der Arbeit

Die fortschreitende Digitalisierung verändert unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ die Organisation und Gestaltung von Arbeit. Wie die Arbeitsprozesse von morgen aussehen könnten, zeigt das Stuttgarter Innovationslabor „Future Work Lab“. Es beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit industrieller Produktion und Fertigung. Aber auch für den Orthopädie-Techniker kann sich „ein Blick in die Zukunft“ lohnen.

„Durch die nächste industrielle Revolution, die Industrie 4.0, wachsen die physische und die digitale Welt immer weiter zusammen“, weiß Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Die Zukunft der Arbeit wird wie so viele andere Aspekte des Alltags durch die zunehmende Digitalisierung bestimmt sein. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt hat deshalb Anfang Februar mit dem Future Work Lab ein Innovationslabor für Arbeit, Mensch und Technik seine Pforten geöffnet, das die Kompetenzen der Fraunhofer-Institute IAO und IPA sowie der Universität Stuttgart bündelt: „Im Future Work Lab zeigen wir, wie die Industriearbeit der Zukunft aussehen kann, was dies für den Menschen bedeutet und wie neue Technologien in der Praxis umgesetzt werden können“, erklärt Fraunhofer-Präsident Neugebauer.

Das Innovationslabor illustriert in drei verschiedenen Bereichen den digitalen Wandel: Die „Demonstratorenwelt“ macht mit über 60 Anwendungsfällen die Arbeit von morgen erlebbar und zeigt, welche Technologien in der Realität bereits angekommen sind. Die Lernwelt „Fit für die Arbeit der Zukunft“ bietet Konzepte zur Kompetenzentwicklung, Schulung und Qualifizierung für die Industrie 4.0. Das Ideenzentrum für Arbeitsforschung „Work in Progress“ schließlich ist die zentrale Plattform für den wissenschaftlichen Dialog. So verbindet das Future Work Lab die Präsentation konkreter Anwendungen mit Angeboten zur Kompetenzentwicklung und integriert den aktuellen Stand der Forschung.

Erweiterte Wirklichkeit

In den drei Parcours der Demonstratorenwelt wollen die Initiatoren die gesamte Bandbreite der Industriearbeit der Zukunft darstellen. So können Besucher an den insgesamt neun Stationen unter anderem erste Eindrücke von assistierter Montage, einem mobilen Arbeitsplatz oder sicherer Produktionsarbeit gewinnen. Im Trend liegen gerade Virtual- und Augmented Reality, und auch das Future Work Lab widmet eine der Stationen der virtuellen und erweiterten Wirklichkeit: „Auf einer Brille werden Informationen zu Bewegungsabläufen und Bauteilen bereitgestellt“, erläutert Florian Blab, Gruppenleiter Angewandte Biomechanik am Fraunhofer IPA. Vergleichbar ist die Technologie mit dem permanent sichtbaren Anzeigesystem eines Autos: Man braucht nicht erst die Motorhaube aufzumachen, um Informationen über das Innenleben zu erhalten. Der Orthopädie-Techniker könnte von einer solchen Technologie profitieren, weil sich beispielsweise während des Abformens noch Scan-Daten im Hintergrund abgleichen ließen: „Er möchte seine Hände freihaben und nicht vorm Rechner versauern“, ist Fraunhofer-Gruppenleiter Blab überzeugt. Die aktuelle Verwendung in Film-, Freizeit- und Animationsbereich verspricht rasante Fortschritte in diesem Sektor, und vielleicht schon in ein, zwei Jahren könnte der Benutzer Daten zu ganzen Bewegungsabläufen in Echtzeit über die Gläser flimmern sehen. 

Ebenfalls spannend ist die intelligente Sensorik der Station „Sense & Act“. Mit dem Begriff Retrofitting wird hier die Kopplung beliebig alter Bestandsanlagen an moderne Kommunikationsmittel bezeichnet: „Dann kann mein Smartphone plötzlich mit der Drehmaschine von 1960 arbeiten, weil ich eine Art der Schnittstelle und der Sensorik mitinstalliert habe“, erklärt Blab. Ein Vorteil ist, dass mittels gewisser Regeln bestimmte Aktionen automatisch ausgelöst werden – z. B. eine E-Mail zum Anlagenstatus –, sodass Prozesse kontinuierlich optimiert werden können.

Eine weitere Station beschäftigt sich unter dem Titel „Exo-Jacket“ mit einem mechanischen Skelett, das den Bewegungen der Arme folgt und Kraftunterstützung bietet. Zusätzliche Last wird auf die Hüfte oder den Boden umgeleitet. Mit Hilfe des Exo-Jackets können Mitarbeiter bei Hebetätigkeiten und Überkopfarbeiten unterstützt werden und somit gesünder und länger ihre Arbeit ausführen. In die Entwicklung dieses Exoskeletts sind maßgeblich Kenntnisse aus Prothetik und Orthetik eingeflossen: „Da könnte sich ein neues spannendes Berufsfeld auftun“, glaubt Blab. Handelte es sich bisher eher um eine hochspezialisierte Nische, könnte die Entwicklung von Exoskeletten und ähnlicher Technologie bald sogar in den Mittelpunkt rücken: „Diese Verknüpfung von Mensch und Technik mit Industrie 4.0 wird immer zentraler.“

Zukunft der Arbeit

Gleichzeitig werden in der zukünftigen Arbeitswelt neue Kompetenzen gefragt sein. Daher bietet das Kompetenzentwicklungs- und Beratungszentrum der Lernwelt „Fit für die Arbeit der Zukunft“ Seminare, Workshops und Weiterbildungsmöglichkeiten. Hier entwickeln Experten gemeinsam mit Unternehmen gezielt individuelle Schulungskonzepte für die Industrie 4.0. Das direkt im Future Work Lab platzierte, akademisch ausgerichtete Ideenzentrum „Work in Progress“ soll den schnellen Transfer von der Theorie in die Praxis ermöglichen.

Eine Stärke des Future Work Labs ist es, die Digitalisierung – den abstrakten Fall Industrie 4.0 – erfahr- und erlebbar zu machen: „Wenn man sich vorstellen kann, wie gewisse Aspekte in den eigenen Bereich reinspielen, ist das mit Sicherheit die richtige Adresse“, findet Blab vom Fraunhofer IPA.

Alexander Müller

Studie zeigt digitalen Status Quo des Handwerks

Im Handwerk gibt es nur wenige Unternehmen, die sich bisher noch gar nicht mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt haben. Das geht aus der Studie „Digitalisierungsindex Mittelstand“ hervor, die von der Deutschen Telekom in Zusammenarbeit mit dem Analystenhaus Techconsult durchgeführt wurde. Die Untersuchung zeigt, wie die Branche in den wichtigsten digitalen Handlungsfeldern abschneidet.

Von den insgesamt 1.016 befragten Unternehmen gehören 335 zur Handwerksbranche. Die Betriebe sollten in der Untersuchung ihre Digitalisierungsbemühungen auf den vier digitalen Handlungsfeldern Kundenbeziehung, Produktivität, IT-Sicherheit und Datenschutz sowie die Weiterentwicklung hin zu digitalen Geschäftsmodellen bewerten.

Laut der Studie messen bereits 80 Prozent der befragten Unternehmen der Digitalisierung große bis sehr große Bedeutung zu. Mehr als drei Viertel arbeiten bereits aktiv daran, einzelne Digitalisierungsprojekte oder eine übergreifende Strategie im Betrieb umzusetzen. Die Studie bewertet das Gesamtniveau des Handwerks in Deutschland dennoch mit nur 55 von 100 möglichen Punkten und sieht noch großes digitales Entwicklungspotenzial. Überdurchschnittlich weit sind Handwerksunternehmen in den Bereichen Kundenbeziehungen, Produktivität sowie in Bezug auf digitale Angebote und Geschäftsmodelle. Was die Zufriedenheit mit der Umsetzung betrifft, ist die Branche sogar führend.  

Unterdurchschnittlich schneidet das deutsche Handwerk im Bereich IT-Sicherheit und Datenschutz ab. Im Gegensatz zu allen anderen untersuchten Branchen halten Handwerksbetriebe diesen Aspekt der Digitalisierung für vergleichsweise unwichtig und sind deshalb dort auch kaum aktiv. Interessierte Unternehmen können auf der Webseite www.digitalisierungsindex.de mit einem „Self-Check“ ermitteln, wie es um den eigenen Digitalisierungsgrad bestellt ist und wie man sich damit im Unternehmens- und Branchenvergleich positioniert.