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Im Dialog mit den Betrieben

Welchen Einfluss hat die fortschreitende Digitalisierung in der Arbeitswelt auf die Orthopädie-Technik? Dieser Frage geht seit April 2016 die Forschungsinitiative „Berufsbildung 4.0“ nach. Initiiert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und ausgeführt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) untersucht das Projekt die Auswirkungen der Digitalisierung in elf anerkannten Ausbildungsberufen.

Im Interview mit der OT hat Claudia Böcker, Projektverantwortliche für den Bereich Orthopädie-Technik, in der diesjährigen April-Ausgabe bereits die Besonderheiten des Fachs hervorgehoben. Neben dem ausgeprägten Schnittstellenmanagement von Patient, Orthopädie-Techniker, Therapeut, Arzt und Krankenkasse stellte sie fest: „Der Beruf zeichnet sich durch Komplexität und Vielschichtigkeit in Bezug auf die Arbeitsanforderungen und -aufgaben aus: auf der einen Seite das ausgeprägte technische Know-how und handwerkliche Geschick, auf der anderen Seite das medizinische Fachwissen sowie die ausgeprägte Empathie und Beratungskompetenz.“

Seit Anfang Mai führt das BIBB in OT-Betrieben über einen Zeitraum von drei Monaten Interviews mit Geschäftsführern, Fachkräften und Ausbildern, um zu evaluieren, wie intensiv die „Technik 4.0“ bereits eingesetzt und welche Haltung grundsätzlich gegenüber der Digitalisierung eingenommen wird. Kontakt zu den Betrieben hat Claudia Böcker in Eigenrecherche oder dank der Vermittlung über die im Rahmen des Projekts ins Leben gerufene Expertengruppe hergestellt, in der u. a. Olaf Kelz, Vorstandsmitglied des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik, und Stefan Bieringer, Direktor der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik, vertreten sind. „Martin Halemba von der Rodin 4d GmbH, der die Fallstudien zum Teil auch begleitet hat, war uns eine große Hilfe für den Austausch mit Unternehmen.“ Einige der Betriebe haben sich zwar bereits mit der Digitalisierung auseinandergesetzt, die Einführung neuer Arbeitsprozesse bis dato allerdings nur bedingt in Angriff genommen. Der Grund dafür sei, dass eine eingesetzte Software nicht selten auf Insellösungen basiere und dass es in der Kommunikation an den nötigen Schnittstellen mangele, so Claudia Böcker.

Akzeptanz für Fehlerkultur schaffen

Grundsätzlich ist zwar ein Interesse der Betriebe an einer Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung vorhanden, vor allem aber die Frage nach dem Wie stellt oft noch ein Hindernis für die praktische Umsetzung dar. „Es gehören ausgefeilte Strategien dazu, digitale Technologien einzuführen“, bestätigt Claudia Böcker. Es sei nicht damit getan, Mitarbeiter der Betriebe von den Software-Herstellern an zwei Tagen für ein neues Produkt schulen zu lassen – bereits im Vorfeld müsse sich die Geschäftsführung Gedanken darüber machen, ob in der Firma ausreichend Zeit für Neuerungen vorhanden sei und eine Fehlerkultur im Unternehmen akzeptiert werde. Jene Fehlerkultur ist ein elementarer Baustein für die erfolgreiche Einführung digitaler Prozesse. In der Werkstatt muss z. B. der Orthopädie-Technik-Meister den offenen Umgang mit neuen Technologien vorleben. Ein transparenter Dialog unter den Beschäftigten ist wichtig, wenn etwa ein Geselle schneller mit neuen Produktionsschritten vertraut ist als sein Vorgesetzter.

Der potenzielle Wandel des Handwerks geht nach Einschätzung von Claudia Böcker nicht spurlos an der Branche vorüber. Sollten handwerkliche Arbeiten mit der Zeit durch technische Lösungen, z. B. im Bereich der additiven Fertigung, ersetzt werden, komme dem künstlerischen Aspekt der Arbeit immer weniger Bedeutung zu. Aus den Reihen der Betriebe heißt es, dass dann womöglich bis zu 80 Prozent der manuellen Produktionsleistungen wegfallen könnten und lediglich 20 Prozent individuelle Sonderlösungen übrigblieben. Im Zuge dessen komme dem Dienstleistungsaspekt in Form von Beratung und Anpassung eine größere Rolle zu.
Letztendlich bleibe unter dem Strich auch mehr Zeit für mehr Patienten.

BMBF und BIBB sehen die Aufgabe der aktuellen Forschungsinitiative darin, sowohl konkrete Handlungsoptionen zu erarbeiten als auch mögliche Szenario-Vorstellungen zu skizzieren, um beispielsweise die Aneignung von Zusatzqualifikationen empfehlen zu können. „Ersetzungspotenziale sind im Zuge der Digitalisierung vor allem im Bereich der ,Schachtelorthopädie‘ zu erwarten“, betont die OT-Projektverantwortliche Claudia Böcker. Sie rät Betrieben, sich zu spezialisieren und Nischen zu besetzen. Die modernen Technologien, die sich bereits heute auch für kleine und mittelständische Betriebe als erschwinglich erwiesen, seien dabei als Werkzeuge zu verstehen: „Ohne das entsprechende Fachwissen der Anwender und eine an Arbeitsprozessen orientierte Unternehmensstrategie sind sie nutzlos.“

Michael Blatt