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Digitalisierung in den Gesundheitshandwerken

Torben Vahle, Referatsleiter Gesundheitshandwerke beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin

Die Gesundheitshandwerke in Deutschland, bestehend aus Augenoptikern, Hörgeräteakustikern, Orthopädie-Schuhmachern, Orthopädie-Technikern und Zahn-technikern, versorgen die Bevölkerung mit individuell ausgewählten und angepassten Produkten und Dienstleistungen. Sie zählen überwiegend zu den kleinen und mittleren Unternehmen. Deutschlandweit gibt es etwa 26.000 Betriebe der Gesundheitshandwerke, die als Arbeitgeber und Aus- sowie Fortbildungsbetrieb ca. 190.000 Menschen beschäftigen. Gesundheitshandwerker stellen Medizinprodukte handwerklich-individuell für die Bedürfnisse der Patienten her und passen sie an (sogenannte Sonderanfertigungen). An die Anpassung schließt sich meistens eine umfassende Nachsorge und Feinangleichung an. Je nach Gesundheitshandwerk kann dies mehrere Monate betragen. Neben der Auswahl und Anpassung des technischen Produktes zeichnen sich die Gesundheitshandwerke durch einen hohen Dienstleistungsanteil aus.

Sprechen wir von der Digitalisierung in der Wirtschaft, kann man grob von einer Verzahnung von Produktion bzw. Dienstleistung und modernen Informations- und Kommunikations-technologien sprechen. Aus Sicht der Gesundheitshandwerke lassen sich die für sie relevanten digitalen Prozesse grob in zwei Bereiche einteilen: Die der „Vertriebswege und Kundenansprache“ und die der „Fertigungstechniken und Arbeitsmittel“. 

Vertriebswege und Kundenansprache 

Sprechen wir von der Digitalisierung der Vertriebswege, können im Bereich Online-Handel drei Vertriebsmodelle für die Produkte bzw. Dienstleistungen im Leistungsbereich der Gesundheitshandwerke identifiziert werden:

  1. Plattformmodelle mit Verweisung der Kunden an stationäre Dienstleister
  2. Direktvertrieb in Kooperation mit stationären Dienstleistern
  3. Direktvertrieb ohne Kooperation mit stationären Dienstleistern

Insbesondere Modell 3 wird aus Gesichtspunkten der Qualität und des Einhaltens der Regelungen bei vollhandwerklichen Tätigkeiten bzw. der Vorgaben im Medizinprodukte-recht aus Sicht der Gesundheitshandwerke als bedenklich eingestuft. Zwar wird der Online-Vertrieb von Handelsware in einzelnen Leistungsbereichen unkritischer gesehen. Jedoch rät auch hier insbesondere der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik, dass bei derartigen Produkten eine Beratungsleistung durch einen unmittelbaren Kundenkontakt ebenfalls sinnvoll ist.

Hierzu muss man besonders den individuellen Charakter der Dienstleistungen der Gesundheitshandwerke hervorheben. Bei eigens angefertigten Produkten können digitale Techniken vieles erleichtern, verbessern und beschleunigen. Oft hilft aber nur das geschulte Auge eines entsprechenden Gesundheitshandwerkers. Das heißt aber nicht, dass beispielsweise Onlinevertriebs-Modelle für Betriebe der Gesundheitshandwerke nicht relevant wären. Auch heutzutage komplett ohne eigene Web-Präsenz auszukommen dürfte für die Kundengewinnung schwierig sein. Für welche Maßnahmen im Bereich des Vertriebs und der Werbung in eigener Sache sich ein Betrieb aber letztendlich entscheidet, hängt sicherlich auch von den Bedürfnissen der Kunden und den persönlichen Ansprüchen ab.

Jedoch lassen manche Entwicklungen aufhorchen: So eröffnete ein bekannter Online-Brillenhändler Anfang 2016 einen sogenannten Offline-Store. Das wurde dann als „weiterer Baustein einer Multi-Channel-Activity“ bezeichnet, ist aber im vorliegenden Fall nichts anderes als ein klassischer stationärer Optiker-Betrieb. Anders betrachtet ist es auch ein Beispiel dafür, dass beide Seiten voneinander lernen können. 

Fertigungstechniken und Arbeitsmittel

Die Fertigungstechniken in den einzelnen Bereichen der Gesundheitshandwerke werden schon seit geraumer Zeit von einer Mischung aus handwerklich-individueller Anpassung und digitaler Produktion durchzogen. Bandbreite und Einsatzmöglichkeiten digitaler Techniken sind zwischen den Gewerken und auch zwischen den Betrieben einer Gewerkegruppe breit gefächert.

Insgesamt gesehen verwenden die Gesundheitshandwerke in ihrer täglichen Praxis seit jeher moderne und innovative Technik – immer in Kombination mit fachlich geschultem Personal. Beispielhaft sei hier der Einsatz von CNC-Werkzeugmaschinen mit CAD/CAM-Verfahren genannt, der seinen Beginn in den 1980er Jahren nahm. CNC steht hierbei für „Computerized Numerical Control“ und CAD/CAM für „Computer Aided Design“ bzw. „Manufacturing“. Diese Techniken gehören zu den sogenannten subtraktiven Fertigungsverfahren und wurden bzw. werden kontinuierlich zur Verbesserung der Patientenversorgung weiterentwickelt.

Dieser Tage wird im Bereich Digitalisierung von sogenannten additiven Fertigungsverfahren gesprochen, von denen der 3-D-Druck sicherlich der bekannteste Vertreter sein dürfte. Vielfach fällt in diesem Zusammenhang auch der Begriff „disruptiv“. So weit sollten wir hier jedoch nicht gehen – „disruptiv“ bedeutet laut Duden „ein System zerstörend“. Wir sollten vielmehr von durchaus innovativen Techniken sprechen, die großes Potenzial besitzen, im Bereich der Gesundheitsversorgung enorme Verbesserungen zu erzeugen. Hier sind aber Bedingungen nötig, die einen Einsatz für die Gesundheitshandwerke voraussetzen. Dazu gehört insbesondere das Vorhandensein von Werkstoffen, die auch tatsächlich für Sonderanfertigungen im Bereich der Körperersatzstücke taugen. Dies ist in der Fläche bislang nur bei Teilleistungen der Fall; für ein vollständiges Medizinprodukt als Sonderanfertigung gilt dies nicht. 

So wie das CNC-Verfahren in seinen Anfängen in den 1960er Jahren zunächst ohne das erste „C“ auskommen musste und erst im Laufe der Zeit „elektronisiert“ und schließlich „digitalisiert“ wurde, werden auch die Gesundheitshandwerke additive Fertigungs-verfahren im Zuge der Digitalisierung kontinuierlich weiter in ihre Versorgungsleistungen integrieren und entwickeln.

Schnittstelle zwischen Technik und Patient

Noch ein Wort zur Rolle des Handwerks in der Zukunft: Hier werden aufgrund der zunehmenden Digitalisierung von verschiedenen Seiten Untergangsszenarien heraufbeschworen. Bestenfalls wird von einer „Premium-Nische“ gesprochen. Das sehe ich tatsächlich nicht so düster. Digitalisierung verändert unser Leben und auch das Arbeiten. Man muss dabei für die Veränderungen gewappnet sein, sie aber auch im positiven Sinne annehmen und umsetzen.

Im Handwerk wurde dazu das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk etabliert, das Betriebe zur Digitalisierung berät. Dabei gibt es kein Patentrezept für die digitale Aufrüstung von Betrieben, und nicht jede Neuerung eignet sich für jedes Unternehmen. Deshalb berät das Kompetenzzentrum jeden Betrieb individuell und entwickelt mit ihm gemeinsam ein passgenaues Konzept.

Bei den Gesundheitshandwerken wird es aber trotz Digitalisierung immer auch um die Arbeit am Menschen gehen. Sie bilden die Schnittstelle zwischen Technik und Patient. Digitale Techniken werden hier in der Zukunft die Arbeit noch mehr erleichtern und verbessern. Aber der Mensch ist eben kein reines Datenkonstrukt, das – einmal digital vermessen – für immer mit Körperersatzstücken versorgt werden kann. Er ist lebendig, bewegt und verändert sich. Da braucht es jetzt und in der Zukunft manchmal auch einfach den Blick in das Gesicht eines Menschen, der als Patient zu einem Gesundheits-handwerker kommt, um festzustellen, dass etwas nicht stimmt – trotz sauberer Messdaten.

Fazit

Die Digitalisierung hat die Gesundheitshandwerke bereits seit Längerem durchdrungen. Digitale Techniken und Arbeitsmittel wurden und werden von den Gesundheits-handwerken als Teil ständiger Innovationszyklen aufgegriffen und eingesetzt. Dabei sind sie „nützliche Hilfsmittel“ im Arbeitsalltag der Gesundheitshandwerke. Sie ersetzen jedoch nicht die individuelle Fertigkeit von Meistern und Gesellen. Sinnvoll eingesetzt können aber hierdurch Fähigkeiten und Einsatzfelder erweitert werden. Die Schnittstelle zwischen Technik und Mensch ist das Entscheidende, denn dies ist das Aufgabenfeld der Gesundheitshandwerke. Digitalisierung ist Teil dieser Schnittstelle und wird in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Mein Eindruck, den ich vor allem aus Sicht der Verbände der Gesundheitshandwerke wiedergeben kann, ist, dass die Handwerkorganisationen ihre Mitglieder gut in Sachen Digitalisierung beraten – hier ist natürlich besonders noch einmal das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk zu nennen. 

Man kann gegenüber den Veränderungen, die sich mit großer Sicherheit durch die Digitalisierung ergeben werden, den Kopf in den Sand stecken. Man kann aber auch mutig nach vorne schauen, die richtigen Antworten finden, sich anstrengen und schließlich durchsetzen. Bei den Gesundheitshandwerken mache ich mir da keine Sorgen, welche Option sie wählen.

Kompetenzzentrum Digitales Handwerk

Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk unterstützt den handwerklichen Mittelstand bei der Erschließung technischer und wirtschaftlicher Potenziale, die sich aus der digitalen Transformation ergeben. Zum Abbau von Informationsdefi ziten stellt das Kompetenzzentrum den Entscheidungsträgern und Fachexperten des Handwerks praxisnahe Informations-, Qualifikations- und Unterstützungsangebote zur Verfügung, die in vier sogenannten Schaufenstern entwickelt und illustriert werden. Interessierte Handwerksbetriebe haben die Möglichkeit, sich über verschiedene Transferformate und Informationsmaterialien über aktuell relevante Fragestellungen zu informieren. Gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Digitales Handwerk können Betriebe darüber hinaus beispielsweise Unternehmensabläufe neu strukturieren, onlinegestützte Dienstleistungs-angebote und Geschäftsmodelle entwickeln oder die Möglichkeiten der orts-ungebundenen Kommunikation erproben.

Weiterführende Informationen zum Kompetenzzentrum Digitales Handwerk finden Sie unter www.handwerkdigital.de.