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Digitalisierte Skoliosetherapie motiviert Patienten

Ein Korsett ist für Kinder und Jugendliche keine schöne Sache, doch bei idiopathischer Skoliose die gängige Therapieoption. Eltern können ein Lied davon singen, wie aufreibend die ständige Motivation und Kontrolle des Nachwuchses ist. Auch Orthopäden und Hilfsmittelversorger kennen das Problem: Das Korsett wird nicht lang genug getragen – selbst wenn versucht wird, die Akzeptanz mit bunten Designs zu erhöhen. „Smarte“ Varianten sollen hier künftig Abhilfe schaffen: Am Prototyp des Korsetts der Zukunft arbeiten Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Berlin innerhalb des vom Bundesforschungsministerium geförderten Innovationsclusters „BeMobil – Bewegung und Mobilität wiedererlangen“. Ausgerüstet mit Sensoren und ergänzt durch eine Smartphone-App, steht es den jungen Patientinnen und Patienten als Physiotherapie-Coach, Wissensbasis und Selbstkontrollinstanz gleichermaßen zur Seite.

Digitaler Physiotherapeut für mehr Therapietreue

Die digitalisierte Skoliosetherapie soll nicht nur die Therapietreue der Mädchen und Jungen verbessern, sondern zugleich Spaß machen. In das Korsett sind Sensoren integriert – zum Beispiel Druck- und Beschleunigungssensoren. Per Bluetooth wandern die ermittelten Daten kabellos in die Smartphone-App. Die App liefert einen grafisch aufbereiteten Überblick beispielsweise zu Tragedauer und Bewegungsintensität, samt Highscores und aufmunternden Botschaften: „Heute hast du zehn Stunden geschafft! Glückwunsch!“ Neben solchen Belohnungen gibt die App Tipps für Sport- oder Atemübungen und regt damit eine bessere Körperwahrnehmung sowie eine aufrechtere Haltung an. Sie hilft bei der Therapieplanung, erinnert an Termine und weist den Weg zu Online-Foren. Im Quiz lernen die Kinder und Jugendlichen mehr über ihre Erkrankung. „Durch die App führt ein kleiner Avatar, den die Nutzer selbst gestalten können“, erklärt Diplom-Psychologin Dr. Susanne Dannehl vom Fachgebiet für Medizintechnik der TU Berlin (siehe Interview). „Die nette Figur begleitet die Kinder ab der Diagnose und soll Berührungsängste abbauen.“ 

Zusatzprodukt für Sanitätshäuser 

„Seit 2014 realisieren wir das Projekt gemeinsam mit Industriepartnern, die daraus ein marktfähiges Produkt für den zweiten Gesundheitsmarkt entwickeln wollen“, berichtet Dr. Dannehl. Dieses könnten Sanitätshäuser den Familien zu einem möglichen Preis von rund 100 Euro anbieten. Ziel sei, die Messsysteme so klein und leistungsstark zu konstruieren, dass sie ohne Zusatzaufwand in jede Art von Korsett integrierbar seien. 

Kinder und Jugendliche reden mit 

Bedienung, Funktionen und Design der zugehörigen App wurden gemeinsam mit an Skoliose erkrankten Kindern und Jugendlichen entworfen. „Rund 50 betroffene Kinder und Jugendliche haben in Workshops ihre Wunsch-App gestaltet; etwa 200 haben wir regelmäßig online befragt, wo sie am meisten Hilfe benötigen, welche Funktionen ihnen am wichtigsten sind“, so die psychologische Psychotherapeutin. „Der Leidensdruck bei den Kindern und Jugendlichen ist hoch, deshalb hatten sie großes Interesse Mitzumachen. Favorisierte Features waren die Tragezeitrückmeldung, Wissen zum Umgang mit der Erkrankung, das Festlegen eigener Ziele sowie Anleitungen zu Bewegungsübungen mit dem Korsett.“ Laut Dr. Dannehl ist die erste Version von App und Korsett fertig, wird im Labor geprüft und verbessert. Mitte 2017 soll diese Phase abgeschlossen sein und eine Beta-Version in den Alltagstest gehen.

Keine Datenübertragung an Dritte

Anders als bei vielen der bekannten Fitness-Apps werden die Daten ausschließlich in der App auf dem Smartphone gespeichert. Damit sind sie erst einmal nur den Kindern und Jugendlichen zugänglich. Eine Übertragung an PCs, zentrale Server oder Ärzte beziehungsweise Therapeuten ist bislang nicht vorgesehen – die Nutzerinnen und Nutzer entscheiden selbst, ob sie Eltern oder Orthopäden die Auswertungen zeigen. „Wir haben lange darüber diskutiert und entschieden, dass eine überwachende Aufzeichnung des Therapieverhaltens nicht stattfindet. Das gesamte System soll in erster Linie die Eigenverantwortung der Betroffenen stärken, Erfolge direkt erlebbar machen und gegebenenfalls Verhaltensänderungen anregen“, betont Dr. Dannehl. Zudem fehle Ärzten und Therapeuten schlicht die Zeit, sich durch Datenmassen ihrer Patienten zu wühlen – werde dies gewünscht, müsse es auch honoriert werden.

Weiterführende Studien zum Wirksamkeitsnachweis erwünscht

Was sich für den Datenschutz positiv darstellt, ist andererseits auch ein Manko: Eine objektive Langzeiterfassung, Vergleiche therapierelevanter Daten oder die Ermittlung der optimalen Therapieform und Tragedauer sind so nicht möglich. Solange ein wirklicher Nutzen nicht nachgewiesen werden kann, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zudem die Kosten nicht. Und der Wirksamkeitsnachweis gelingt nur mit Daten. Damit das „smarte Korsett“ kein Nice-to-have-Produkt für den zweiten Gesundheitsmarkt bleibt, sind weiterführende Untersuchungen und Studien nötig. 

„Ein klinisches Forschungsprojekt benötigt aber andere Rahmenbedingungen, da reichen drei Jahre Förderung nicht aus. Für Evidenznachweise müssen Tragezeiten mit Zustimmung der Patienten in Datenbanken gespeichert und analysiert werden“, unterstreicht Dr. Dannehl. „Um Daten zu generieren, muss ein solches Projekt aber erst einmal in den Markt kommen. Das ist ja der Spagat von BeMobil: Als Verbundprojekt unterstützt es ernstzunehmende medizinische Fragestellungen ganz praktisch. Im Ergebnis schaffen wir die technischen Grundlagen für weitere Forschungen. Ich hoffe, dass in Zukunft entsprechende Studien mit Hilfe unseres smarten Korsetts durchgeführt werden – und am Ende vielleicht die Übernahme in die GKV-Finanzierung steht.“

Cathrin Günzel

BeMobil: In Bewegung bleiben

Das „smarte Korsett“ ist eines von neun Forschungsthemen im regionalen Innovationscluster „BeMobil – Bewegungsfähigkeit und Mobilität wiedererlangen“. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert, hat eine Laufzeit von drei Jahren (Beginn: August 2014) und ein Volumen von 15,3 Millionen Euro – davon 72 Prozent Förderung durch das BMBF. Im Zentrum von BeMobil stehen die neurologischen Krankheitsbilder Schlaganfall, Querschnittlähmung und Schädel-Hirn-Trauma sowie im orthopädischen Bereich die Skoliosetherapie und Amputationen der unteren Extremität. Beteiligt sind 18 Forschungspartner aus Wissenschaft, Klinik und Wirtschaft. Entwickelt werden technische Hilfsmittel, Sensor- und Übungssysteme, die die Mobilität fördern. Zu den Schwerpunkten gehört auch die nutzergerechte Gestaltung der Technik.