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Digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement

Sowohl Unternehmen als auch Mitarbeiter sollen von einem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) profitieren: Mit besserem Befinden und gesteigerter Motivation der Angestellten soll es mit der Produktivität der Firma aufwärts gehen, so die Hypothese. In Zeiten von „Arbeit 4.0“ überrascht es nicht, dass es inzwischen eine digitale Ergänzung zum BGM gibt – das sogenannte dBGM. Im Interview mit der OT erläutert Prof. Dr. David Matusiewicz, Experte für Gesundheitsmanagement und Dekan an der FOM Hochschule, was digitales Betriebliches Gesundheitsmanagement (dBGM) ausmacht, welche Vorteile es Unternehmen und Angestellten bietet und wie entsprechende Maßnahmen gestaltet sind. Die vorgestellten Lösungen sind nach Auffassung von Matusiewicz bereits für Betriebe mit nur wenigen Mitarbeitern sinnvoll.

Dr. David Matusiewicz ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule in Essen. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit und Soziales und als Direktor das Forschungsinstitut für Ge­sundheit und Soziales. Zudem ist Matusiewicz Gründungsgesellschafter des Essener Forschungsin­stituts für Medizinmanagement und unterstützt Start-ups im Gesundheitswesen. Vor seiner Profes­sur arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stif­tungslehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen. Berufserfahrung sammel­te er auch in der Stabsstelle Leistungscontrolling einer gesetzlichen Krankenversicherung. Professor Matusiewicz wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2016 mit dem Bonner Health Media Award. Foto: Tom Schulte

OT: Welche Vorteile hat das digitale Betriebliche Gesundheitsmanagement gegenüber bisherigen, „analogen“ Plattformen?

Prof. Dr. David Matusiewicz: Anfang der 2000er Jahre hat das Betriebliche Gesundheitsmanagement eine neue Bedeutung bekommen. Unternehmen haben erkannt, dass sie in Richtung Demografie denken müssen. Mitarbeiter werden immer älter, und psychische Erkrankungen sind stark im Kommen. Aber Gesundheitsmanagement ist nur sehr punktuell und ohne nachhaltige Strategie betrieben worden: Klassische Beispiele sind der Bauchtanzkurs und der Obstkorb. Jetzt hilft die digitale Komponente, dass man mehr messen und schneller Effekte erzielen kann – standortübergreifend, zur selben Zeit, in einem ganzen Unternehmen. In großen Firmen mit 100.000 Mitarbeitern gibt es die Möglichkeit, über eine Gesundheitsplattform eine bestimmte Maßnahme anzubieten, und alle können daran teilnehmen – unabhängig davon, wo sie gerade sind. Das digitale Betriebliche Gesundheitsmanagement ist flexibler und hat damit auch eine höhere Akzeptanz.

OT: Aus welchen Maßnahmen setzt sich das dBGM zusammen?

Matusiewicz: Es gibt Apps und Wearables, Gesundheits- und Online-Coaching-Plattformen sowie BGM-Komplettsysteme (s. Schaubild). Apps sind auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets abrufbar. Die Funktionalitäten beinhalten beispielsweise die Erfassung, Speicherung und Auswertung von Vitaldaten. Es gibt über 200.000 Apps heutzutage: Das fängt an bei Wellness und hört auf bei Medizin – und da muss man wirklich unterscheiden. Ein Wearable ist ein Minicomputer in Form einer intelligenten Brille, einer Uhr, eines Armbands oder eines Schuhs. Wearables vereinen Smartphone- und Fitnessfunktionen in nur einem Gerät.

OT: Neben den genannten mobilen Möglichkeiten gibt es die Gesundheits- und Online-Coaching-Plattformen und das Gesamtsystem. Wie unterscheiden sie sich voneinander?

Matusiewicz: Eine Gesundheitsplattform, von uns auch „Cockpit“ genannt, kann man sich wie ein Intranet vorstellen: Es gibt auf einer digitalen Plattform verschiedene Angebote, die in die Gesamtstrategie des Unternehmens mit Blick auf Gesundheit eingebunden werden. Eine Gesundheitsplattform ist eine Standardsoftware, die sich ein Betrieb kauft und dann bespielt. Eine Online-Coaching-Plattform – auch als „Employee Assistance Program (EAP)“ bezeichnet – kann in Form einer Flatrate von einem externen Unternehmen bezogen werden. Zum Beispiel bei einem Psychologen: Sobald die Mitarbeiter ein Problem psychischer Natur haben, können sie dort anrufen oder sich per Video-Chat Unterstützung holen. Bevor sie ein halbes Jahr warten müssen, um ambulant einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen, lässt sich das Problem schnell in die richtige Bahn lenken und die Wartezeit überbrücken. Vielleicht reicht schon ein empathisches Gespräch, um das jeweilige Problem zu lösen. Ein dBGM-Komplettsystem beinhaltet sämtliche digitalen Instrumente. Ziel ist es, ein vielseitiges Angebot für Gesundheitsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen.

OT: Wie sollten Unternehmen ihre Auswahl treffen? Sind die Instrumente des dBGM nur in Kombination miteinander sinnvoll?

Matusiewicz: Das ist sehr individuell: Unterschiedliche Branchen haben unterschiedliche Krankheitsbilder und Bedürfnisse der Mitarbeiter sowie der Unternehmensführung. Deshalb ist es sinnvoll, genau auszuwählen, was man benötigt. Grundsätzlich gibt es immer die beiden Säulen „Psyche“ und „Körper“. Man kann einen Anbieter für Rückenschule, Fitness oder Gymnastik und einen anderen für die psychologische Betreuung auswählen. Diese Kombination aus beiden Säulen ist dann die Idee des Gesamtsystems.

OT: Mit wie viel Aufwand und mit welchen Investitionen ist die Schaffung eines adäquaten Systems verbunden? Ab welcher Betriebsgröße lohnt sich dessen Einsatz überhaupt?

Matusiewicz: Das Schöne am Digitalen ist, dass es leicht skalierbar ist: Man kann es für einen Mitarbeiter oder für 100.000 nutzen. Denkt man etwa an EAP-Standardsoftware eines externen Anbieters, gibt es preisliche Unterschiede: Je größer die Mitarbeiterzahl, desto attraktiver die Konditio­nen, aber desto höher auch die Gesamtkosten. Ein kleines mittelständisches Unternehmen kann für nur 10, 20 oder 30 Euro pro Mitarbeiter einen solchen Zugang erhalten. Gelingt es dadurch, dass ein einziger Angestellter einige Wochen nicht ausfällt, bedeutet das mehrere tausend Euro Ersparnis und rentiert sich ab dem ersten Mitarbeiter. Möchte ich ein solches System selbst entwickeln, muss ich einen Mit­telwert zwischen Betriebsgröße und Kosten finden. In einem großen Betrieb benötigt man für die Entwicklung eines eige­nen Systems fünf oder sechs Programmierer, da jeder Mitar­beiter ein anderes Smartphone mit verschiedenen Betriebs­systemen wie Android, iOS oder Windows nutzt. Dann ist man schnell bei einer halben Million Euro oder mehr, bloß für die Anfangskosten der Entwicklung.

OT: Die Mitarbeiter geben viel über sich und ihre Privatsphäre preis. Welche Rolle spielen Datenschutz und -sicherheit in der Auseinandersetzung mit dem dBGM?

Matusiewicz: Diese Themen sind wichtig, und die Sensi­bilität dafür ist in der heutigen Zeit gegeben. Die Angst vor einem möglichen Datenleck darf aber keine Ausrede für die Unternehmen sein, solche Systeme nicht einzuführen. Der Nutzen ist höher als die potenzielle Gefahr. Dabei muss das Unternehmen aber die Datenhoheit beim Mitarbeiter belassen: Er bekommt ein Angebot, kann es wahrnehmen und sich im Rahmen dieses Angebots unter einem Pseudonym aufhalten, ohne dass es eine Rückkopplung zum Unterneh­men gibt. Der Mitarbeiter bestimmt, wer auf seine Informa­tionen zugreifen darf und wer nicht – und schon besteht das ganze Datenschutz-Thema nicht mehr.

OT: Wie weit ist das dBGM bereits etabliert? Welche Bedeutung wird es in Zukunft haben?

Matusiewicz: Das dBGM steht noch ganz am Anfang. Im Rahmen einer meiner Studien (Matusiewicz D. et al. 2016: Health Applications for Corporate Health Management, in: telemedicine and e-Health, Vol. 23, Nr. 5, S. 1–5) bei den DAX-30-Unternehmen ergab sich, dass knapp 80 Prozent dBGM zwar als Zukunftsfeld spannend finden, aber nur ein kleiner Teil es bereits heute nutzt, weil zu wenig Erfahrungendamit bestehen. Zudem fehlt eine Marktübersicht. Das Potenzial ist zwar enorm, aber die Nutzung noch sehr ge­ring. Das hängt auch mit dem Alter der Entscheider zusam­men: Zwischen ihnen und den sogenannten Digital Natives besteht noch eine große Lücke, die sich erst mit der Zeit schließen wird. Erst dann werden solche Konzepte alltagsfähiger und besser akzeptiert sein.

Die Fragen stellte Alexander Müller.