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Daten sind die Währung der Zukunft

Sensoren, Software und Algorithmen erkennen in Sekundenschnelle die benötigte Versorgung; Prothesen und Orthesen entstehen mit Hilfe moderner Fertigungstechniken einfach im 3-D-Drucker. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wird auch in der Orthopädie-Technik an Bedeutung gewinnen. Im Interview mit der OT spricht Oliver Leisse von der Trendforschungsagentur See More über Veränderungen, Herausforderungen und Chancen des digitalen Wandels für die Branche.

OT: Was definiert den modernen Patienten? Welche Verhaltensweisen zeichnen ihn aus?

Oliver Leisse: Der moderne Patient ist offen, neugierig und skeptisch. Er öffnet sich interessiert jeder gut erzählten neuen Behandlungsmethode. Er hat seine Erfahrungen gesammelt, daher ist er nicht naiv; er wird sehr genau recherchieren, was dran ist an dieser Methode. Man kann sich den neuen Patienten wie ein neugieriges Kind mit dem Analysesystem eines Hochschulprofessors vorstellen: „Ah, interessant, aber jetzt wollen wir doch mal sehen, ob der Ansatz wissenschaftlich auch sauber ist.“

OT: Vor welchen Herausforderungen steht die Orthopädie-Technik durch die Digitalisierung im Alltag und im Gesundheitswesen?

Leisse: Wie in allen Branchen wird sich sehr viel verändern. Die Vermessung der Menschen durch digitale Techniken ist in vollem Gang. Ärzte werden immer weniger zu tun haben, denn die Technik wird das Entstehen von Krankheiten einfach schon weit im Vorfeld verhindern. Sie werden in der Übergangszeit immer mehr zu Datenanalysten. Doch der Interpretationsspielraum schwindet schnell: Software erkennt mit schlauen Algorithmen auf Basis der vorhandenen Datenmuster, was getan werden muss – weit präziser und zuverlässiger, als es je Menschen konnten.

OT: Geht im Rahmen des digitalen Fortschritts die Individualisierung im Handwerk verloren, und gerät dabei die Ingenieurs- und Materialfertigungskunst in der Orthopädie-Technik in den Hintergrund?

Leisse: Ja, das ist leider unausweichlich. Scanner erfassen in der nahen Zukunft jeden Patienten individuell und produzieren umgehend optimale Orthesen oder Prothesen. Handwerkliche Anpassung ist dann nicht mehr nötig. Die Stückkosten je Anfertigung sinken dramatisch. Was heute noch teuer durch individuelle Anpassung ist, fällt morgen aus einem 3-D-Drucker. Reparaturen entfallen dann auch, denn Austausch ist die bessere Option zur Anpassungs-Sitzung, die personal- und damit kostenintensiv ist.

OT: Sind Prothesen bzw. Orthesen wie „Robohand“ oder „Roboleg“ aus dem 3-D-Drucker die Nische oder die Zukunft?

Leisse: Handwerk ist mittelfristig nur noch eine Premium-Nische. Der 3-D-Drucker ist auf dem Vormarsch, er greift in fast jeder Branche an. Die Software übernimmt die Individualisierung. Und die Hardware – sowohl die herstellende Maschine als auch das dort gefertigte Produkt – kostet immer weniger. In fast allen Bereichen unseres Lebens wird die Software wichtiger, die Hardware unwichtiger. Ein Auto wird nur noch mit der richtigen Software fahren, die Kombination von Fahrzeugteilen wird beliebig. Die Software ist intelligent, die Hardware funktioniert.

OT: Benötigt der Orthopädie-Techniker demnächst eine Weiterbildung zum Gesundheitscoach?

Leisse: Ja, denn wenn er sich auf sein angelerntes Betätigungsfeld beschränkt, wird er schon bald kaum noch Aufträge haben. So hart das ist – 50 Prozent aller Jobs werden automatisiert, von Maschinen und schlauer Software und Algorithmen erledigt. Wir müssen rechtzeitig neue Jobs schaffen. Tatsächlich sind hier schon einige neue Jobs recht klar zu erkennen. Ein Gesundheitscoach ist da genau das richtige Beispiel.

OT: Welche Veränderungen kommen auf den Fachhandel im Bereich der Kunden- und Patientenberatung zu? 

Leisse: Der Fachhandel ist nicht vorbereitet. Die Gefahr liegt darin, dass die ständig wachsende Nachfrage in die falschen Kanäle läuft. Wenn man sich das Warenangebot von Apple-Stores anschaut, könnte man irritiert sein: Da gibt es Waagen, Blutdruckmessgeräte, Fitness-Tracker. Was haben die dort zu suchen? Diese Geräte sind nur dort, weil sie noch kein sinnhaftes Zuhause gefunden haben. Die Apotheken haben hier keine Expertise, die Sanitätshäuser auch noch nicht, und die Ärzte haben keine Zeit. 

„Der Fachhandel muss sich neu erfinden“ klingt so, als wäre das ein Plan für eine Agenda 2030 – der Markt und die Kunden entscheiden aber über die Zukunft des Handels in den kommenden Jahren. Wer bis 2020 keine Perspektive hat, wird keine mehr brauchen.

OT: Von der „Hilfsmittel“-Versorgung sind oftmals Menschen mit körperlichem und/oder geistigem Handicap betroffen. Wie weit kann Digitalisierung und Individualität des Menschen verbunden werden?

Leisse: Da müssen wir uns, glaube und hoffe ich, keine Sorgen machen. Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft; die User Interfaces, also die Bedienelemente, sind heute nur noch marktfähig, wenn sie ein Sechsjähriger intuitiv und fehlersicher bedienen kann. Und das ist auch gut so – wie lange waren wir hier überfordert! Der Drucker druckte nie, das Smartphone tat nie, was wir wollten. Hier hat die Industrie dazugelernt, die Intelligenz kriecht in die Hardware: Das nennt man ja auch das „Internet der Dinge“ – Stützstrümpfe, die sich weich wie Wollstrümpfe anlegen lassen, sich dann aber, wenn sie genau dort sitzen, wo sie laut Software sitzen sollen, über einen elektrischen Impuls optimal um die Wade oder das Fußgelenk legen. Derlei Hilfen sind wahrlich überfällig.

OT: Durch den demografischen Wandel gewinnt das Thema Mobilität und die damit einhergehende Kombination von Prävention und Hilfsmittelbedarf weiter an Bedeutung. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Orthopädie-Technik?

Leisse: Das Feld erweitert sich rapide durch eine stark alternde Gesellschaft. Hinzu kommt noch eine Entwicklung, die wir seit ein paar Jahren beobachten: Gestern wollten die Menschen Lösungen für ihre gesundheitlichen Probleme, also die Krankheit oder körperliche Schwächen und Schmerzen bekämpfen. Heute wollen die Menschen der Krankheit vorbeugen, sodass sie gar nicht mehr krank werden und eben möglichst lange gesund bleiben. Morgen geht es darum, die eigene Leistungsfähigkeit zu erweitern. Die Altersgrenze fällt. Warum, so denkt sich der 70-Jährige, sollte ich nicht mit der richtigen technischen und mentalen Unterstützung noch an einem Marathon teilnehmen oder eine Zeit laufen, die die Ergebnisse der Jugend noch übertrifft? Alles geht, wenn die Technik sich weiter exponentiell entwickelt.

OT: Für Orthopädie-Techniker ist interdisziplinäre Kommunikation mit Ärzten und Physiotherapeuten für eine erfolgreiche Patientenversorgung von großer Bedeutung. Gleichzeitig ist das Entlassmanagement von Kliniken für Sanitätshäuser oft ein Problem. Wie wird das Klinikum 4.0 in Zukunft vernetzt sein, und welche Kommunikationsfortschritte sind zu erwarten?

Leisse: Ich bin gar nicht davon überzeugt, dass wir in der Zukunft noch Kliniken brauchen. Dort müssen heute noch Patienten Zeit verbringen, weil sie dort besser versorgt werden als zu Hause. Dennoch ist die dort verbrachte Zeit nicht effizient eingesetzt und oft eine Zumutung für den Patienten. Wenn aber über die Prävention immer ganz aktuelle Daten über den Patienten vorliegen, werden die Kliniken und Ärzte massiv entlastet und sind nur noch in der akuten Phase Anlaufstationen.

Die Daten des Patienten sind die Währung der Zukunft. Um sie zu bekommen, werden uns immer mehr intelligente Sensoren umgeben; das Netz des „Internet der Dinge“ steht noch am Anfang, wird uns aber vollkommen umfassen. Wer die erhobenen Daten auswertet, orchestriert den Gesundungsprozess. Intelligente Software sagt dann, was zur Gesundung sinnvoll ist – auf Basis von vielen Tausend Fallstudien. In aller Regel wird die Behandlung dann im privaten Umfeld stattfinden, dort sind die emotionalen Bedingungen für die Reha oder Vorsorge optimal, und Sensoren können die Daten des Patienten erfassen und in Echtzeit zum Analysezentrum senden. Dort wird entschieden, ob der Patient ein Sanitätshaus zur Kontrolle aufsuchen sollte oder ob der gut versicherte Patient auf einen Hausbesuch eines Gesundheitsmanagers hoffen kann.

OT: Muss man im Kontext des orthopädietechnischen Fortschritts Digitalisierung als übergeordnetes Prinzip verstehen?

Leisse: Das sehe ich eher nicht, und so will ich auch versöhnlich schließen: Klar wird die Digitalisierung Kosten senken. Sie wird helfen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen und uns auf mechanistischer Ebene hervorragende Dienste leisten. Was der Mensch aber auch braucht, ist Zuwendung. Die bekommt er von Menschen, die empathisch sind. Auch daran sollten wir denken und den kommenden Generationen helfen, sich nicht nur in die Technik, sondern auch in die Patienten hineinzudenken.

Das Interview führten Michael Blatt und Alexander Müller.

Zur Person

Oliver Leisse war lange Jahre Strategieberater bei internationalen Werbeagenturen wie DDB, TBWA, BBDO und Springer & Jacoby. 2008 gründete der jetzt 56-Jährige See More, das Institut für Trendforschung und innovative Strategien in Hamburg. Das Institut erforscht aktuelle menschliche Verhaltensweisen auf Basis qualitativer ethnografischer Forschung in über 50 Metropolen der Welt. Hier greift das Institut auf 100 Mitarbeiter zu, die vor Ort die Wünsche der Konsumenten erforschen, Trends erkennen und interpretieren. Mit seinem Team entwickelt Oliver Leisse neue Angebote, Marken und Zukunftsstrategien und berät Kunden wie die Deutsche Bank, TUI, Henkel, Microsoft, die Deutsche Post, Google, Rewe und viele mehr.