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Chancen und Risiken: digitale Selbstvermessung

Der Antrieb und die Bereitschaft zur digitalen Selbstvermessung nehmen in der Gesellschaft immer mehr zu. Dabei sind es nicht mehr nur ambitionierte Sportler, die ihre Laufrunden oder Schwimmeinheiten digital aufzeichnen: Schrittzähler und Schlafphasenanalyse liegen im Trend. Dem einen reicht eine Smartphone-App zum Kalorienzählen, andere tragen den ganzen Tag über ein Fitness-Armband am Handgelenk.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe hat sich unter der Leitung von Dr. Nils B. Heyen im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „Wissenstransfer 2.0“ über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren mit dem Thema analytisch auseinandergesetzt. Basierend u. a. auf Interviews mit Nutzern sowie Wissenschaftlern und Medizinern stellen Heyen und sein Team in der im Dezember 2016 erschienenen Broschüre „Digitale Selbstvermessung und Quantified Self“ sowohl Potenziale als auch Risiken der persönlichen Datenerfassung zusammen. So könnten etwa für die Diagnostik täglich im Alltag erfasste Messwerte von höherer Aussagekraft sein als einmalige Daten eines klinischen Tests.

Gleichzeitig steige das Potenzial zur Individualisierung von Therapien, z. B. im Kontext einer Medikation. Auch die Grundlagenforschung in den Bereichen Bewegung, Schlaf und Ernährung könne von „alltäglich“ gewonnenen Daten profitieren. Ob dies alles letztlich zu einer insgesamt gesünderen und sichereren Gesellschaft mit geringeren Gesundheitskosten führt, wagt Nils Heyen jedoch nicht zu sagen: „Wie realistisch eine solche Entwicklung ist, lässt sich aufgrund der völlig unzureichenden Evidenzlage bislang nicht seriös beurteilen.“ Wissenschaftler begännen gerade erst damit, hier tiefergehende Forschungen zu betreiben. „Es wird hochspannend sein zu verfolgen, inwieweit sich die versprochenen Effekte tatsächlich nachweisen lassen“, so Heyen. Der Sozialwissenschaftler war seiner Zeit insofern ein Stück voraus, als er den Förderantrag für seine Studie bereits im Jahr 2012 gestellt hatte, als die digitale Selbstvermessung noch kein Trendthema war.

Fehleranfälliges Datenmaterial

Als potenziellen Risikofaktor bezeichnet die Studie eine zu ausgeprägte Fokussierung auf die Selbstvermessungsdaten. „Zahlengläubigkeit führt dazu, dass andere Faktoren nicht mehr ausreichend beachtet werden. Hier muss gegebenenfalls eine Sensibilisierung der Patienten erfolgen“, erklärt Heyen im Gespräch mit der OT. Ansonsten würden die Individualität des Einzelnen bzw. das subjektive Körpergefühl zu sehr in den Hintergrund treten. Die Nutzer-Interviews hätten jedoch auch gezeigt, dass Nutzer durchaus sehr reflektiert mit ihren Daten umgehen können.

Datenmissbrauch nicht auszuschließen 

Im weiteren Verlauf thematisiert die Untersuchung mangelnde Qualitätskontrollen, z. B. in Form von Zertifizierungen der Messgeräte im weitestgehend unregulierten Self-Tracking-Markt. Die Gefahr fehlerhafter Datensätze ist allgegenwärtig. Gegebenenfalls könnte eine Lösung darin bestehen, dass nur diejenigen Apps als Gesundheits-Apps vermarktet werden dürfen, deren positive Auswirkungen auf die Gesundheit empirisch nachgewiesen sind. Unabhängig davon besteht in weiten Teilen der Gesellschaft eine weitverbreitete Angst vor dem unbefugten Zugriff Dritter auf die eigenen Daten. Die ISI-Studie hält fest: „Datenmissbrauch wird allein schon durch die vielfach nicht mehr gewährleistete Anonymisierung ermöglicht und kommt bereits in verborgenen, aber weit verbreiteten Praktiken der Datenverarbeitung und -nutzung zum Ausdruck.“ 

Darüber hinaus seien grundsätzlich Überwachungs-, Diskriminierungs- und Stigmatisierungseffekte nicht auszuschließen. Nils Heyen verweist in diesem Zusammenhang auf Ansichten von Soziologen, die es für möglich halten, dass in Zukunft Arbeitgeber Gesundheitsdaten von Bewerbern im Vorfeld abfragen. Vermeintlich spielerische Anreize zur körperlichen Ertüchtigung sind in Unternehmen bereits keine Seltenheit mehr. So lassen Firmen z. B. Abteilungen gegeneinander wetteifern, wer in einem festgelegten Zeitraum mehr Schritte sammelt. „Hier wird ein Druck auf den Einzelnen ausgeübt, dem bei schlechtem Abschneiden schnell eine Stigmatisierung droht“, beschreibt Heyen einen kritischen Aspekt der Datensammelleidenschaft. Im Bereich der Krankenversicherung sehen derweil Kritiker über den Umweg der „Bonusanreize für eine gesunde Lebensweise“ ebenfalls erste Risse im solidarischen Grundprinzip des Gesundheitssystems.

Objektive Analyse der Daten

Unter dem Strich filtern Heyen und sein Team aus dem vorliegenden Analysematerial eine Reihe von Tendenzen, ohne letztlich konkrete Rückschlüsse ziehen zu wollen bzw. wegen des (noch) unzureichenden Forschungsstands zu können. So heißt es: „Selbstvermessungstechnologien können zur Individualisierung von Diagnostik und Therapiemaßnahmen in der medizinischen Praxis beitragen. Es ist aber noch zu klären, in welchen Fachgebieten ihr Einbezug für welche Zwecke genau sinnvoll sein kann und welche Qualitätsstandards jeweils notwendig sind.“ Leistungserbringer sind gut beraten, sich frühzeitig mit der potenziellen Anwendung und Auswertung der durch Selbstvermessung erhobenen Patientendaten zu befassen – allein schon deshalb, weil sich immer mehr Patienten mit ihren eigenen Daten eine persönliche Gesundheitsexpertise aufbauen werden und es wichtig ist, als medizinische bzw. professionelle Instanz die digital vorliegenden Informationen richtig einordnen zu können.

Michael Blatt

Positionspapier zur Bundestagswahl

Im April 2017 hat der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) im Rahmen seiner Mitgliederversammlung in einem Positionspapier zur Bundestagswahl zehn Forderungen der MedTech-Branche formuliert – unter anderem zur digitalen Infrastruktur für Medizinprodukte. Eine ganzheitliche Digitalisierung der Versorgungsprozesse, der einheitliche Ausbau digitaler Anwendungen und die Interoperabilität der bestehenden Anwendungen könnten nach Ansicht des BVMed dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten. Für gesundheitsbezogene Apps mit einem medizinischen und therapeutischen Nutzen seien die Rahmenbedingungen für Medizinprodukte zu adaptieren und weiterzuentwickeln. Um die Digitalisierung voranzutreiben, seien sinnvolle Datenschutzregelungen notwendig.
Das Positionspapier ist abrufbar unter: www.bvmed.de -> bvmed -> Positionen/Stellungnahmen