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Aus dem Fach für das Fach

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Seinen ganz persönlichen Rückblick auf vier erfolgreiche Kongresstage vermittelt der Kongresspräsident der OTWorld 2016, Prof. Dr. Frank Braatz, im Interview mit ORTHOPÄDIE TECHNIK.

OT: Herr Professor Braatz, Sie haben als diesjähriger Kongresspräsident der OTWorld maßgeblich die Ausrichtung des Weltkongresses mitgeprägt. Was waren im Vorfeld Ihre Ziele und Erwartungen – und haben sich diese rückblickend erfüllt?

Prof. Dr. Frank Braatz: Die Besucherzahlen sind gegenüber 2014 erneut gestiegen. Das ist ein wirklich guter Erfolg der OTWorld 2016 und ein Zeichen dafür, dass unser Konzept sehr gut angekommen ist. „Aus dem Fach für das Fach“ – so lautete der Anspruch, den sich der Programmbeirat bei der Planung des Kongressprogramms gestellt hatte. Beantwortet werden sollten Fragen, die sich aus dem Versorgungsalltag des interdisziplinären Teams ergeben. Dieser Anspruch führt zu einer großen Themenvielfalt, die wir im Kongressprogramm schön abbilden konnten. Was mir besonders gut gefallen hat: An jedem der vier Kongresstage wurden Fallbeispiele präsentiert, an denen orthopädietechnische Versorgungslösungen dargestellt wurden. Diese Falldarstellungen waren von den Mitgliedern des Programmbeirats und den Gutachtern im Reviewprozess besonders berücksichtigt worden. Darüber hinaus gab es spezielle Themen, anhand derer wir den interdisziplinären Anspruch zeigen wollten und konnten, dazu gehörte das Thema Fuß, das im Kongress von allen Seiten beleuchtet wurde. Diesen Programmschwerpunkt haben wir zusammen mit den Podiatern und dem ZVOS gestaltet. Außerdem hatten wir zum Beispiel auch die Ausbildung des Nachwuchses als einen wichtigen inhaltlichen Schwerpunkt im Kongressprogramm. Und wir haben – nicht zu vergessen – die Kernthemen der Technischen Orthopädie, sprich die Prothetik und Orthetik, in ihrer ganzen Breite dargestellt, vom Versorgungsalltag über die technischen Fragen bis hin zu Forschungsfragen. Zusammengefasst bin ich der Überzeugung, dass wir sehr gut die aktuellen Themen und die ganze Bandbreite des Fachs dargestellt haben.

OT: Welche Programmpunkte haben sich als besondere Publikumsmagneten erwiesen?

Braatz: Es gibt immer wieder Themen, die extrem gefragt sind. Dazu zählt die Prothetik, dazu gehören neue Passteile. Wir haben den Besuchern durch das „Offene Forum“ in diesem Jahr als neue Möglichkeit eröffnet, ohne Kongresskarte einzelne Symposien oder andere Veranstaltungen besuchen zu können. Die politische Podiumsdiskussion mit den Kostenträgern mit dem Titel „Hilfsmittelversorgung im Spannungsfeld zwischen Kostendruck, Innovation und Patientenbedürfnissen“ war zum Beispiel sehr gut besucht, weil das ein Thema ist, das uns im Versorgungsalltag alle bewegt. Wir müssen mit den Kostenträgern diskutieren und sie gehören mit ins interdisziplinäre Team, denn nur dann ist das Team vollständig und der Patient schlussendlich gut versorgt. Wir haben in einem Kongress aber immer auch Themen, die weniger gut besucht sind. Unser Anspruch war jedoch, nicht nur Kernthemen und „Mainstream“ darzustellen, sondern einen breiten Überblick geben zu wollen. Deshalb haben wir auch Themen zum Beispiel aus der Reha-Technik hochrangig bearbeitet, die erfahrungsgemäß nicht so große Besucherzahlen anziehen.

OT: Sie haben neben den vielen protokollarischen Verpflichtungen, die das Amt des Kongresspräsidenten mit sich bringt, hoffentlich Zeit gefunden, verschiedene Programmpunkte des Kongresses zu besuchen. Wie beurteilen Sie danach die inhaltliche Qualität des Kongresses?

Braatz: Wir haben insgesamt die Rückmeldung bekommen, dass die wissenschaftlichen Themen und die Qualität der einzelnen Vorträge hervorragend waren. Der Kongress hat sich über die Jahre immer weiter entwickelt, und wir können uns inzwischen rein von der Qualität des Programms durchaus mit anderen großen wissenschaftlichen Kongressen messen. Eine wichtige Aufgabe eines Weltkongresses besteht darin, in wissenschaftlichen Vorträgen Ausblicke auf künftige Entwicklungen zu geben, zu zeigen, was der Stand der Wissenschaft ist, in welche Richtung die Entwicklung geht und welche Neuerungen wir in nächster Zeit erwarten können. Nur ein Beispiel: Eine spannende neue Entwicklung, die im Kongress aufgezeigt wurde, ist die „Mehrkanalsteuerung bei der Myoelektrik“ zu umschreiben.

OT: Im Interview mit dieser Zeitschrift haben Sie im Vorfeld der OTWorld als ein wichtiges Ziel formuliert, den Kongress „näher an die Ausstellung heranzubringen“. Konnte dieser Anspruch eingelöst werden?

Braatz: Rein räumlich haben wir das auf alle Fälle geschafft. Zum neuen Konzept, den Kongress in die Messe zu integrieren, hat es ganz überwiegend positive Rückmeldungen gegeben, von Besucher- wie von Ausstellerseite. Durch die Trennung von Kongresszentrum und Messe hatte man früher, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann, einfach deutlich längere Wege zwischen Kongress und Messe zurückzulegen. Das neue Konzept hat sich aus meiner Sicht bereits bewährt und sollte für die nächsten Veranstaltungen beibehalten werden. Wir hatten natürlich noch kleinere Anlaufschwierigkeiten, aber diese lassen sich sicherlich leicht beheben. Gut ist auch, dass wir mit dem neuen Offenen Forum die Möglichkeit haben, Messebesucher stärker in das Kongressgeschehen zu integrieren.

OT: Wie wurden die neuen diskursiven Formate und der stärkere Praxisbezug im Kongressprogramm Ihrem Eindruck nach von den Besuchern angenommen?

Braatz: Es freut mich persönlich ganz besonders, dass eben dieses Konzept zum Erfolg der OTWorld 2016 mit beigetragen hat: mit den Falldarstellungen und zum Beispiel den Kursen, die früh am Morgen beginnen, aber ebenfalls durchgehend gut besucht waren. Hier, in den Werkstattgesprächen und den „Wie wird versorgt“-Sessions nach verschiedenen Symposien konnten die Besucher sich direkt mit den Experten über Versorgungsmöglichkeiten oder einzelne Passteile austauschen. Es handelt sich um erfolgreiche Formate, die meiner Meinung nach in Zukunft beibehalten werden sollten.

OT: Mit welchen Eindrücken sind Sie nach vier Tagen Kongress und Messe nach Hause gefahren? Was war Ihr persönliches Highlight?

Braatz: Schön war es, mitzuerleben, dass der Kongress so erfolgreich war – das haben wir jeden Tag neu erfahren können. Aus Sicht des Kongresspräsidenten war es spannend zu beobachten, wie die Symposien im Einzelnen verliefen. Wir können von Seiten des Programmbeirats ja nur die Themen und die Vortragenden benennen. Die durchgehend gelungene Umsetzung zu erleben, war in allen Fällen eine große Freude für mich. Zu erwähnen ist auch die fruchtbare und gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen kooperierenden Fachgesellschaften und Fachverbänden wie der GOTS, der VKO, der DVfR oder der DMGP, die durchweg positiv verlief. Dafür nochmals vielen Dank an dieser Stelle. Ein persönliches Highlight war für mich neben vielen anderen die Kongressparty, auf der man „gelebte Interdisziplinarität“ spürte und die Gelegenheit hatte, sich fernab vom Berufsalltag auszutauschen und neu kennenzulernen. Insgesamt denke ich: Es war ein toller Branchentreff 2016, und mir bleibt nur, dem nächsten Kongresspräsidenten Professor Volker Bühren viel Glück und Erfolg zu wünschen. Wir freuen uns schon auf eine erfolgreiche OTWorld 2018.

Zur Person

Frank Braatz ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Physikalische und Rehabilitative Medizin und führt die Zusatzbezeichnung „Kinderorthopädie“. Bevor er Professor an der PFH Göttingen wurde, war er als Leiter der Sektion Technische Orthopädie und Infantile Cerebralparese in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg tätig. Außerdem ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied der Vereinigung für Technische Orthopädie, Mitglied im Fachbeirat Technische Orthopädie des BIV-OT und der Deutschen Gesellschaft für Bewegungsanalyse. Bereits seit Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit den Themen Technische Orthopädie, Orthobionik und Bewegungsanalyse. Nach einer Berufsausbildung an der Krankengymnastikschule der BG Unfallklinik Tübingen nahm er 1989 sein Medizinstudium in Gießen auf, das er 1995 abschloss. Nach Stationen an der BG Unfallklinik Ludwigshafen, der Klinik für Allgemeine und Viszerale Chirurgie FSU Jena und der Klinik und Poliklinik für Orthopädie an der Universität zu Köln kam er im August 2002 an die Stiftung Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg. Dort erlangte er im Mai 2003 den Facharzt für Orthopädie. Im August 2005 wurde er Oberarzt, im Juli 2007 Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und im Dezember 2012 Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin.