superbanner image
skybanner image

Die positive Einstellung nicht verlieren

titleimage

Die Ergebnisse der Vergleichsstudie, die Markus Rehm die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ermöglichen soll, sind Ende Mai veröffentlicht worden. Kurz vor dem Gespräch mit der ORTHOPÄDIE TECHNIK gewann er außerdem bei der Leichtathletik-Europameisterschaft der Paraathleten zwei Goldmedaillen und sprang bei der Leichtathletik-DM in Kassel außerhalb der Wertung weiter als der offizielle Sieger Alyn Camara. Ein Gespräch über Messdaten, Parameter, den Weltverband IAAF und die Teilnahme in Rio.

OT: Vorab nochmals herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Verteidigung des Europameistertitels und zur Goldmedaille mit der 4 x 100-m-Staffel. Wie blicken Sie auf die Wettkämpfe im italienischen Grosseto zurück?

Markus Rehm: Danke. Es waren sehr professionell organisierte Wettkämpfe, in dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren enorm viel verändert. Während des Weitsprungs gab es viele Unterbrechungen, und die Bedingungen waren nicht immer ideal. Ich wäre gerne über acht Meter gesprungen, habe aber auch den Absprungbalken nicht optimal erwischt und da noch einige Zentimeter verschenkt. Insgesamt bin ich allerdings sehr zufrieden.

OT: Sie waren kurz vor der EM noch in Japan. In Tokio wurde untersucht, ob Sie durch Ihre Unterschenkelprothese einen Vorteil gegenüber nichtbehinderten Sportlern haben. Wie genau wollten die Wissenschaftler das herausfinden?

Rehm: Die beteiligten Institute haben unterschiedliche Messwerte von insgesamt zehn Weitspringern verglichen, von denen drei eine Prothese tragen. Wir mussten mehrere Weitsprungversuche und Sprints mit maximaler Intensität absolvieren. Vorher wurden uns reflektierende Marker aufgeklebt, mit deren Hilfe wichtige Parameter wie die Anlaufgeschwindigkeit oder die Absprunggeschwindigkeit erfasst wurden. Außerdem wurden Kraftmessplatten eingesetzt, um die Kraftgenerierung und Kraftverläufe nachvollziehen zu können.

OT: Die Studie kommt zu dem Schluss, dass zum jetzigen Zeitpunkt kein Vorteil nachgewiesen kann. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?

Rehm: Ich bin zufrieden, jetzt haben wir wissenschaftliche Daten, auf denen wir aufbauen können und die von drei unabhängigen Instituten analysiert wurden. Wichtig war mir vor allem, dass nicht nur die Vorteile meiner Prothese wissenschaftlich beleuchtet werden, sondern auch die nicht unwesentlichen Nachteile angesprochen werden. Ich erreiche nicht die gleichen Anlaufgeschwindigkeiten wie nichtamputierte Sportler und meine Kniegelenksbewegungen auf der Prothesenseite sind eingeschränkt. Dafür verliere ich durch die Carbonfeder weniger Geschwindigkeit beim Absprung. Letztendlich lassen sich die Vor- und Nachteile allerdings nicht oder nur schwierig gegeneinander abwiegen, da die Bewegungsabläufe nicht exakt dieselben sind.

OT: Die Forschungsarbeit zu diesem Thema soll weitergeführt werden, heißt es etwas vage im offiziellen Bericht. Sind schon weitere Reisen nach Tokio zu weiteren Messungen geplant?

Rehm: Aktuell sind keine weiteren Messungen angesetzt. Wir haben jetzt erstmal Daten gesammelt, mit denen wir arbeiten können. Ein noch klareres Ergebnis wäre natürlich schön gewesen und deshalb bin ich für Weiteres gerne bereit.

OT: An der internationalen Studie waren drei Forschungseinrichtungen aus drei Kontinenten beteiligt. Wie kam der Kontakt zu den Instituten zu Stande?

Rehm: Ein japanischer Fernsehsender kam mit dem Wunsch auf mich zu, eine Dokumentation zu drehen, die zeigt, warum ich weiter springe als andere paralympischen Athleten. Im Rahmen der Dreharbeiten zu „Miracle Body“ sollten sowieso Messungen in dem japanischen Institut gemacht werden. Mein Glück war dann, dass ich meine persönlichen Vorstellungen in die Studie mit einbringen zu können, so dass ich der Beweispflicht der IAAF nachkommen konnte. Zur Deutschen Sporthochschule hatte ich im Vorfeld schon Kontakt. Die japanischen Forscher haben sich dann noch an die University of Colorado Boulder gewandt.

OT: Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, sieht die IAAF, den Weltverband der Leichtathletik, nun in der Pflicht, sich mit einem möglichen Start von Ihnen in Rio auseinanderzusetzen. Wie geht es nun in dieser Hinsicht weiter?

Rehm: Die IAAF fordert durch die Regeländerung des letzten Jahres eine Beweispflicht von mir, dass ich keinen Vorteil durch meine Prothese habe. Letzten Aussagen des Verbands zu Folge sieht er durch die Studie diese nicht als hundertprozentig erfüllt an. Es hat allerdings bereits erste Gespräche gegeben. Ich versuche einfach, meine positive Einstellung nicht zu verlieren. Vielleicht kann ich dann in Rio ein Zeichen für den paralympischen und inklusiven Sport setzen.