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„Die beste Technologie findet ihr Maß im Menschen'

Handwerk und Industrie sehen sich in der Patientenversorgung mit den Herausforderungen einer älter und mobiler werdenden Gesellschaft, umstrittenen Krankenkassenbudgets sowie schwieriger werdenden Marktbedingungen konfrontiert. Ob nun in Fragen des Wettbewerbs, der Ausschreibungen und Verträge oder der Fachkräftesicherung – die Zukunft einer qualitativ hochwertigen Versorgung in Deutschland und weltweit verlangt neue Lösungsansätze. An vier Tagen im Mai in Leipzig gilt es daher auf Weltkongress und Weltleitmesse Weichen zu stellen für die Branche wie nicht zuletzt auch für die Patienten. Der Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik ist seit Jahrzehnten ideeller Träger der Gesamtveranstaltung. ORTHOPÄDIE TECHNIK sprach mit seinem Präsidenten Klaus-Jürgen Lotz über die Kompassfunktion der OTWorld in bewegten Zeiten.

OT: Sie eröffnen am 3. Mai um 16:30 Uhr in Leipzig die viertägige OTWorld 2016 ganz offiziell – was geht Ihnen dann vermutlich durch den Kopf?

Klaus-Jürgen Lotz: Es erfüllt mich mit vollem Stolz und Freude, dieses größte Treffen unserer Branche eröffnen zu dürfen. Die OTWorld ist eine großartige Erfolgsgeschichte, die bereits­ seit 1973 anhält. Vor 43 Jahren lud damals der BIV-OT zur ersten Jahreshauptversammlung mit Fachprogramm und Ausstellung in das damals noch geteilte Berlin. Auch wenn ich heute sagen kann, dass wir weltweit die größte Gesamtveranstaltung mit Weltkongress und internationaler Ausstellung haben, so hat sich doch eines nicht geändert: Es ist ein – inzwischen weltweiter – Kollegentreff aus dem Fach für das Fach. Und ich lehne mich auch gern schon so weit vor zu behaupten, dass sich alle Anstrengungen, die Kosten und Mühen wieder einmal gelohnt haben. Ich bin mir sicher, dass die OTWorld 2016 einen umfassenden und fast spektakulären Eindruck vom aktuellen Versorgungsgeschehen in Deutschland und der Welt vermitteln wird.

OT: Auf der OTWorld werden seit jeher die Produktinnovationen erstmals präsentiert und entsprechend heiß diskutiert. Nicht nur die Weltpremiere des C-Leg wurde hier vorgestellt, auch das damals noch visionäre Thema Exoskelette wurde auf der OTWorld erstmalig durch die fünf führenden Weltmarktanbieter nebst begleitenden Symposien auf dem Kongress demonstriert. Was erwartet uns diesmal auf der OTWorld?

Lotz: Nun, natürlich werden wir das Thema Exoskelette weiter verfolgen. Nach der Präsentation auf der OTWorld sind erste Erfahrungen im therapeutischen Bereich, auch in deutschen Kliniken wie z. B. dem Bergmannsheil in Bochum, gemacht; was sie an Nutzen für die Patientenversorgung gebracht haben und wie es weitergeht, werden wir im Weltkongress diskutieren. In letzter Zeit konnten wir beobachten, dass das Thema 3-D-Druck für die Hilfsmittelversorgung wichtig wird. Aus der klassischen Fertigungstechnik stammend, werden nun erste Überlegungen für die Adaption an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik diskutiert. Das greifen wir auf und wollen auch hier sehen: Was verspricht der neue Trend, und was können wir tatsächlich für die individuelle Patientenversorgung davon nutzen? Wir haben wieder führende Forschungsinstitutionen, Best-Practice und natürlich das Symposium im Weltkongress dazu. Ich bin gespannt, was von dem Hype an tatsächlichen Chancen übrig bleibt. Neben den technologischen Neuheiten, die diskutiert sein wollen, sind auch die traditionellen und bewährten Patientenversorgungen immer wieder unter neuer Perspektive zu diskutieren. Gerade in einer Zeit, in der es immer mehr Angebote und Alternativen der Versorgung gibt, will die Frage: Was ist wirksam und wirtschaftlich immer wichtiger?, beantwortet werden. Der Kongress wird auch hier Neues bringen, da bin ich mir sicher.

OT: In den letzten Jahren gab es vereinzelt Stimmen, die dem Weltkongress eine „zu“ akademische Ausrichtung vorgeworfen haben. Wenn man sich dieses Jahr das Programm ansieht, scheint der große Praxisbezug im Kongressprogramm ja schon eindeutig die Handschrift der Praktiker zu tragen.

Lotz: Die OTWorld war immer eine Veranstaltung aus dem Fach für das Fach. Der Alltag unseres Faches bringt es mit sich, dass wir eng und auf Augenhöhe mit allen Beteiligten im Rehabilitationsteam zusammenarbeiten können. Die fachärztliche Perspektive der Patientenversorgung kann man daher bei der Patientenversorgung nie ausblenden, ebenso wenig übrigens wie die z. B. der Physio- und Ergotherapeuten. Wir legen daher viel Wert auf Interdisziplinarität, die Vorsitze unserer Symposien sind nicht nur mit einem Orthopädie-Techniker besetzt, sondern eben auch mit einem Arzt oder einem anderen Vertreter angrenzender Disziplinen. Auch unser Programmkomitee ist interdisziplinär besetzt, und ich bin wirklich sehr beeindruckt von der Arbeit, die das Komitee für jede Veranstaltung leistet. Auch unter der Leitung von Prof. Dr. Frank Braatz können wir den Besuchern der OTWorld wieder ein Programm bieten, das neue Perspektiven und neue Ansätze präsentieren kann.

OT: Wie wichtig ist Ihnen dabei die Verzahnung mit den Ärztegesellschaften – und welche Note würden Sie dem Austausch mit der Fachmedizin aktuell geben?

Lotz: Aktuell würde ich dem Austausch auf jeden Fall ein „Sehr gut“ geben. Unsere Kooperationen mit den Fachgesellschaften wie z. B. der GOTS oder zuletzt dem DGOU sind eine große Bereicherung. Die Technische Orthopädie bietet in der Versorgung wirklich hervorragende Alternativen, und wir sind froh, dass sich so viele junge Sportmediziner und Orthopäden inzwischen wieder damit beschäftigen. Durch die enormen technischen Innovationen und neue Versorgungskonzepte ist es wichtiger denn je, dass wir uns austauschen. Sowohl die Ärzte als auch unsere Techniker profitieren definitiv davon. Wir setzen uns übrigens auch gemeinsam dafür ein, dass die Technische Orthopädie auf den großen Kongressen der Ärzteschaft hervorragende Symposien und Plattformen des Austauschs bietet. So sind wir froh, gemeinsam mit den jeweiligen Fachgesellschaften auf den bedeutenden Veranstaltungen wie z. B. dem DKOU in Berlin oder der VSOU-Jahrestagung in Baden-Baden präsent sein zu können. Wir gehen hier klar gemeinsame Wege, mit Erfolg.

OT: Dem BIV-OT als Spitzenverband der Branche ist naturgemäß die Berufsbildung ein wichtiges Anliegen. Wie bilden Sie Themen wie Ausbildung, Berufsnachwuchs oder auch Fachkräftemangel ab?

Lotz: In der Tat liegt uns unser Nachwuchs besonders am Herzen, und daher haben wir im Rahmen der Jugend.Akademie TO nun zum dritten Mal auf der OTWorld ein spezielles Programm für unsere Azubis auf die Beine gestellt und wollen ihnen damit vor Augen führen, was unser Fach, auch in Kooperation mit anderen Disziplinen, zu leisten imstande ist, aber auch wie wichtig die frühzeitige Vernetzung in der Branche für ein künftiges Fortkommen ist. Der Erfolg der ersten beiden Auflagen hat uns in diesem Ansatz nur bestärkt. Ähnliches gilt für unser Jungunternehmertreffen, bei dem wir mit Hilfe eines renommierten Fachmanns ein absolut prioritäres Thema näher beleuchten wollen: die Markenbildung in der Branche. Dieser Schwerpunkt ist auf ausdrücklichen Wunsch der Jungunternehmer im Vorfeld ausgewählt worden. Diese Mitsprache war uns wichtig, denn damit garantieren wir zugleich die Akzeptanz unter den Teilnehmern. Den Austausch fördert der BIV-OT übrigens auch ganz praktisch: Jugend.Akademie wie Jungunternehmer laden wir jeweils ganz herzlich zu einem Get-together ein. Was den Kongress betrifft, so wird mein Kollege Olaf Kelz, der als Vizepräsident im Vorstand das Themenfeld Berufsbildung verantwortet, zu einer Veranstaltung im „Offenen Forum“ einladen. Wir haben in der jüngsten Vergangenheit ja einige neue Bildungswege geschaffen, die sicherstellen, dass jeder mit seinen Begabungen, Motivationen und Kompetenzen einen tollen Weg in unserem Fach geboten bekommt. Vom Gesellen bis zum Forscher kann man in der Orthopädie-Technik aus einer wirklich kaum sonst vertretenen Bandbreite an Berufswegen auswählen.

OT: Wie sieht es bzgl. des klassischen Sanitätshauses aus? Hier sind Verkäuferqualitäten, kaufmännische Fähigkeiten und eben auch Themen wie Mitarbeiterführung gefragt. Diese betreffen oftmals weniger den Praktiker, der direkt mit der Patientenversorgung beauftragt ist. Auch hier gibt es großen Fachkräftemangel.

Lotz: Dieses Thema wurde von der AG Sanitätshaus unter der organisatorischen Federführung der Leipziger Messe vorbereitet. Das Programm verspricht wieder tolle Vorträge, die auch Mitarbeiterführung und Personalpolitik betreffen. Das Problem der heutigen Ausbildung ist ja, dass es keine spezielle, staatlich anerkannte Ausbildung zum/zur Sanitätsfachverkäufer/in gibt. Das spezielle Wissen über die Patientenversorgung erhalten die Mitarbeiter daher erst sehr spät. Wenn es um Kundenberatung geht, gerade bei einem so hochsensiblen Thema wie Gesundheit, ist das eigentlich nicht zumutbar. Die OTWorld bietet daher auch diesen Kolleginnen und Kollegen eine einmalige Möglichkeit, sich von dem Markt, in dem sie beraten, einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Nicht zu unterschätzen ist auch hier der Austausch zwischen den Kollegen, der in Leipzig alle zwei Jahre geboten wird. Hier werden Erfahrungen und Ansätze ausgetauscht, Probleme mit Lieferanten und Rückmeldungen von Kunden, Tauglichkeit von Abrechnungssystemen und Ladenbausystemen diskutiert. 

OT: Noch einmal zum Thema des technologischen Fortschritts: Mediziner wie Techniker warnen davor, Patienten zu häufig unkritisch eine High-End-Versorgung angedeihen zu lassen. Ist weniger manchmal mehr?

Lotz: Nun, wir haben sicher schon einige technologische Hypes erlebt, die später, sagen wir es vorsichtig, nicht das gehalten haben, was man sich davon erhofft hat. Aber natürlich haben technologische Fortschritte die Patientenversorgung auch nachhaltig verändert und durchaus bereichert. Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass wir an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik arbeiten. Der Mensch verändert alles. Die beste Technologie muss sich dann an seiner Individualität beweisen und findet hier ihr Maß. Hier kommen neben so scheinbar handfesten Kriterien wie Hautverträglichkeit und Körpersymmetrie sehr menschliche Dinge wie Psychologie, Charakter, Wünsche und Sehnsüchte in die Versorgung. Während früher die Menschen z. B. unbedingt als unversehrt gelten wollten und eine prothetische Versorgung daran gemessen haben, wie gut sie alles verbirgt, haben heute Patienten durchaus den Wunsch, ihre Technik zu zeigen.

OT: Immer schon diente die OTWorld auch Politik und Kostenträgern als Plattform für Anschauung, Information und Austausch. Wie wichtig ist die Kommunikation vor dem Hintergrund von demografischem Wandel und zunehmendem Kostendruck? Anders gefragt: Werden sich Versorgungsgeschehen und Vertragsformen kurz- oder mittelfristig grundlegend ändern?

Lotz: Kurz- und mittelfristig sind nicht unbedingt Begrifflichkeiten, die in den politischen Entscheidungsprozess fallen. Man muss schon bedenken, dass die Politik mit dem deutschen Gesundheitswesen einen ganz schön großen Dampfer bewegen muss. Wenn hier Regeln oder Gesetze geändert werden, müssen viele Parteien befragt und berücksichtigt werden. Im Moment sind die Kostenträger, wie wir auch, sehr daran interessiert, in der Vielfalt der verschiedenen Versorgungskonzepte eine verbindliche Auskunft über die Qualität der Versorgung zu erhalten. Wir arbeiten heute noch mit einem Hilfsmittelverzeichnis, das zwar viele Produkte und technische Standards und Einsatzgebiete beschreibt – über die Qualität einer Versorgung aber keine einzige Auskunft gibt. Es listet z. B. mehrere tausend Produkte, die überhaupt nicht mehr auf dem Markt sind und damit in der Versorgung längst nicht mehr eingesetzt werden. Das muss und wird sich ändern. Ich bin sehr froh, dass wir mit den Kostenträgern wie mit der Politik inzwischen einen sehr guten Austausch haben. Der Wunsch ist, sich gemeinsam den Fragen der Qualitätsstandards zu stellen. In Leipzig werden wir daher auch etliche Vertreter der Politik und Krankenkassen vor Ort haben und den konstruktiven Dialog auch öffentlich weitertragen.

OT: Markenzeichen der OTWorld sind die Plattform für Produkt­innovationen und die Bühne für neue Versorgungsmodelle. Der BIV-OT ist als Spitzenverband sehr aktiv – können Sie schon verraten, ob auch der Bundesinnungsverband in Leipzig mit Neuigkeiten aufwarten wird?

Lotz: Zur letzten OTWorld haben wir erstmals das Weißbuch präsentiert, das einen Überblick über unser facettenreiches Fach bietet. Dieses Jahr können wir bereits das fertige Kompendium – Qualitätsstandard für die Prothetik im Bereich der oberen Extremität – diskutieren, und wir kündigen den Qualitätsstandard für die untere Prothetik an. Die Arbeitsgruppe des Fachbeirates Technische Orthopädie hat ihre inhaltlichen Vorarbeiten abgeschlossen, sodass wir mit der Veröffentlichung noch dieses Jahr fest rechnen können.  Der Fachbeirat Technische Orthopädie hat zudem eine gemeinsame Sitzung in Leipzig vereinbart, in der wir zukunftsweisende Entscheidungen treffen wollen.

OT: Die OTWorld zeichnet sich seit vielen Jahren nicht nur durch die Teilnahme von Referenten und Ausstellern aus aller Welt aus. Sie als ideeller Träger fördern verstärkt auch den globalen Austausch unter den Entscheidungsträgern.

Lotz: Die Globalisierung macht vor unserer Branche nicht Halt. Die Hersteller stellen sich mehr und mehr international auf. Von Forschung und Entwicklung, ob sie nun aus Deutschland, Schweden, Großbritannien, Mexiko oder den USA kommt, profitieren in unserem Fach Patienten wie Leistungserbringer weltweit gleichermaßen. Zumindest sollte das bei der Versorgung so sein. Einen Beitrag dazu, dass internationaler Austausch intensiviert wird, wollen wir mit unserer Global Networking Area leisten. Zwar trifft man sich von Mal zu Mal auf Kongressen und Messen, doch im Grunde besteht auf der OTWorld eine einzigartige Gelegenheit für die Schrittmacher der Branche, sich zu vernetzen, und für alle anderen, mit Vertretern der wichtigsten Verbände und Institutionen weltweit ins Gespräch zu kommen.

OT: Was ist Ihr ganz persönlicher Wunsch, wenn am 6. Mai die Tore der OTWorld in Leipzig für 2016 geschlossen werden?

Mein Wunsch zum Torschluss ist, dass jeder Besucher Neugierde mitgebracht hat und viel neues Wissen, Freude an den Veranstaltungen, das Glücksgefühl, mal wieder die Kollegen und Kolleginnen getroffen zu haben, und den Eindruck „das war das Highlight unseres Faches“ mit nach Hause nimmt. Ich wünsche mir, dass alle Aussteller zufrieden und mit guten Geschäften und Verbindungen die Messe beenden und mit dem Gefühl abreisen, in 2018 wieder dabei sein zu wollen. Persönlich wünsche ich mir für den Freitag, dass ich trotz meines eng getakteten Kalenders die Gelassenheit nicht verliere, die Veranstaltung mit Zufriedenheit und großer Freude beenden kann – und dann ein paar Tage Ruhe.

Die Fragen stellten Kirsten Abel und Marcus Land.
abel@biv-ot.org , +49 231 557050-27
land@biv-ot.org , +49 231 557050-59