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„Eine ungeahnte Welt der Möglichkeiten“

Die Technische Rehabilitation stellt als Spezialgebiet besondere Anforderungen an die Hilfsmittelversorgung. Im Rahmen der OTWorld 2016 ist der Reha-Technik daher erneut eine eigene Fachwelt gewidmet. Klassische Orthopädie-Technik auf der einen und Mobilisation durch Sonderbau und Rollstuhlversorgung auf der anderen Seite folgen einem gemeinsamen Ziel mit technisch ausdifferenzierten Methoden. Technologische Innovationen der jüngsten Zeit zeigen unterdessen, dass die Schnittstelle zwischen Orthopädie- und Reha-Technik wieder enger wird. ORTHOPÄDIE TECHNIK hat mit Helmut Martus, Mitglied der OTWorld-Arbeitsgruppe Reha und Leiter der Abteilung Wirtschaft und Verträge beim BIV-OT, das Kongress- und Messeprogramm zur Reha-Technik und die wirtschaftlichen Aspekte unter die Lupe genommen.

OT: Herr Martus, die Fachwelt Reha-Technik auf der OTWorld 2016 ist von einer eigenen Arbeitsgruppe Reha erarbeitet worden. Worauf wurde beim Programm besonderer Wert gelegt?

Helmut Martus: Mit dem Programm rund um die Gläserne Werkstatt wollen wir in erster Linie demonstrieren, dass die Reha-Technik eine intensive und individuelle Beratung von Patienten und ihren Angehörigen voraussetzt. Sie ist eben nicht bloße Handelsware, wie fälschlicher Weise auch gern behauptet wird. Die Sitzschalenabformung ist, ganz im Gegenteil, das A und O einer schulmäßigen und einwandfreien handwerklichen Versorgung und dabei eine höchst persönliche Leistung. Mit dem Programmpunkt Stehen/Stehmobilisation zeigen wir zudem, dass neben dem Ermöglichen des Sitzens noch viel mehr zu dieser individualisierten Versorgung gehört. Neben der Live-Vorführung der Abformung und des Abdrucks von Sitzschalen zeigen Filme den weiteren handwerklichen Herstellungsprozess, Exponate veranschaulichen für jeden Besucher sichtbar und ertastbar diese Präzisionsarbeit, und Fachleute erläutern allen Interessierten die einzelnen Arbeitsschritte und Anforderungen. Wir wollen zeigen: Alles das gehört zur Reha-Technik.

OT: Warum ist gerade beim individuellen Sonderbau eine derart profunde Präsentation sinnvoll, wie sie mit der Gläsernen Werkstatt geboten wird?

Martus: Es muss ins Bewusstsein geholt werden, dass gerade Sitzschalenabformung und Sonderbau wesentliche Teile  unseres Handwerks sind. Und es bedarf eben Handwerker, die die Fähigkeiten hierfür beherrschen. Ausführen kann eine solche, stark an die Patienten anzupassende, Versorgungsleistung ausschließlich das Handwerk. Dafür betreiben wir mit der Gläsernen Werkstatt sehr gern einen großen organisatorischen Aufwand – um übrigens sämtlichen Beteiligten am Versorgungsprozess, ob Techniker, Mediziner oder Kostenträger, die vielen einzelnen Schritte bei der Anfertigung, die notwendige Präzision und nicht zuletzt das immer vorhandene Herzblut der Reha-Spezialisten vor Augen zu führen.

OT: Mit dem Get-Together von Technikern und Kostenträgern oder auch dem Symposium „Gelungene Kommunikation – gelungene Kinderversorgung“ wird bei der Reha-Technik ebenfalls der Dialog in den Fokus gerückt. Warum wird eine so breite Aufklärung gerade über das Thema Sonderbau als so wichtig erachtet?

Martus: Es ist uns ein wichtiges Anliegen, für diesen ganz besonderen Versorgungsbereich Sensibilität zu erzeugen und uns gleichzeitig mit allen Beteiligten auszutauschen. Denn nur über die Kommunikation erfährt der eine von den Problemstellungen des anderen und man kommt gemeinsam in der Sache ein Stück weiter. Wir wollen Antworten auf die Frage geben, welchen Nutzen man von Versorgungskonzepten hat. Und wir wollen klar machen, dass ein Versorgungsziel festzulegen unerlässlich ist. Dies gilt nicht nur gegenüber Kostenträgern, die miterleben können, welche Herausforderungen der individuelle Sonderbau mit sich bringt, sondern genauso auch für Techniker. Unser Fach hat die Sitzschale oft als schlichten Sitz angesehen und nicht wie die Prothese als anspruchsvolle Versorgungsform. Das ist aber unzweifelhaft der Fall.

OT: Sie sprachen mehrmals schon von vielen Beteiligten an der Versorgung – wie wichtig ist dieser Aspekt im Technikforum Reha?

Martus: Es gilt zu zeigen, dass man ein interdisziplinäres Team braucht, um derart anspruchsvoll zu versorgen. Dies dürfen wir in Leipzig schon gar nicht versäumen zu erklären – wir thematisieren es aber bei allen anderen Gelegenheiten auch. Nehmen Sie beispielsweise die unterschiedlichen Betrachtungsweisen: In einer Einrichtung kommt es den zuständigen Therapeuten vielleicht nur darauf an, dass ein Untergestell praktikabel und funktionell ist, überhaupt nicht auf die Größe. Eltern können das mit Blick auf den Transport ihres Kindes ganz anders sehen. Wenn von den interdisziplinären Teams gesprochen wird, heißt das aber leider oft auch, dass wir die Eltern an dieser Stelle vergessen. Wir müssen aber gerade auch sie nach ihren Bedürfnissen befragen. Das Abstimmen in diesem Umfeld aus Technikern, Therapeuten und Ärzten ist die Kunst.

OT: Gibt es auf Kostenträgerseite grundsätzlich ein größeres Verständnis für den beim Sonderbau notwendigen Aufwand als bei der sogenannten Standardversorgung?

Martus: Das ist größtenteils so. Der Aufwand bei der Standardversorgung, die ja auch eine individuelle Anpassungsleistung ist, wird nicht gesehen. Es geht hier in erster Linie um die Auswahl der Produkte. Wenn Sie sich die Fallpauschalen über eine fünfjährige Laufzeit für einen Leichtgewichtrollstuhl oder auch für einen E-Rollstuhl ansehen, dann können Sie den pro Tag umgerechneten Betrag heute nur noch in Cent hinter dem Komma ausdrücken. Der Reha-Techniker muss aber täglich für seine Patienten da sein, Beratung und Service erbringen, abmessen, reparieren usw. Mit der Fallpauschale sind aber sämtliche Dienstleistungen wie Beratung, Reparaturen, das Betrachten des häuslichen Umfelds oder das Ausmessen abgegolten. Wie soll das wirtschaftlich funktionieren? Eigentlich nicht. Warum es trotzdem gelingt? Wir sind absolute Idealisten!

OT: Muss der Aufwand, vor allem auch beim Sonderbau, aber nicht auch transparent für alle niedergelegt werden?

Martus: Wir sind sehr dafür, den von der Internationalen Fördergemeinschaft rehaKind e. V. mitentwickelten Standard bei der Kinderversorgung sowie die interdisziplinäre Bedarfsermittlung, also besonders die Definitionen der mit den Hilfsmitteln verbundenen Beratungs- und Anpassungsdienstleistungen, sowie auch die Zielformulierung nach ICF und die Überprüfung der Versorgungen in die Verträge aufzunehmen – denn jede andere Einstufung ist sehr subjektiv.

OT: Auf der einen Seite fördert die neue Ausbildungsordnung mit den drei Schwerpunktsetzungen Prothetik, Orthetik und Individuelle Rehabilitationstechnik die Spezialisierung der Techniker. Auf der anderen Seite wird es infolge der Versorgung von immer mehr multimorbiden Patienten wichtiger, dass die Schnittstelle zwischen Orthopädie- und Reha-Technik wieder enger wird. Ist das ein Widerspruch?

Martus: Das ist überhaupt kein Widerspruch. Auch hier müssen, wie im interdisziplinären Versorgungsteam, die Kompetenzen in einer Teamarbeit ausgetauscht werden. Gefragt ist ganz klar etwa der Orthopädie-Techniker, der erkennt, dass er bei einer Versorgung einen spezialisierten Kollegen hinzuziehen muss, der den reha-technischen Versorgungsfall mitbeurteilen sollte. Und wer andererseits Sitzschalen baut, muss auch auf die weitere orthetische Versorgung schon hinführen – beide Bereiche müssen ineinandergreifen.

OT: Was fasziniert Sie selbst ganz speziell an der Reha-Technik als Versorgungsform?

Martus: Die Reha-Technik ist ein spannendes Thema mit ganz vielen Nuancen bei der Versorgung und dem Anspruch, etwas für behinderte und schwerstbehinderte Menschen zu kreieren. Außerdem ist es ein riesiger Bereich, was vielen gar nicht bewusst ist: Neben dem Sitzschalenbau gibt es die Steh- und Gehtrainer, Schrägliegebretter, Stehständer oder auch Handbikes, es gibt eine Mobilisierung im sportlichen Bereich bis hin zum Lifestyle, wenn Sie an Cross-Scooter oder Cross-Rollis denken. Und wenn Sie Hilfsmittel wie Lifter usw. sehen, wissen Sie, wie hilfreich die Reha-Technik unmittelbar auch für Angehörige ist. Es ist eine ungeahnte Welt der Möglichkeiten – und es macht unheimlich Freude, Menschen ein Stück Mobilität und Lebensqualität zurückzugeben.